Der Herr der Luftschlösser und König der Achterbahnen

Anfangs belächelt, lange übersehen: Roland Mack hat mit dem Europa-Park in Rust einen der weltweit grö?ten Vergnügungsparks geschaffen

Von unserer Redakteurin Petra Kistler

Rust. Kalt war es. Und nass. Tagelang hatte es geregnet, die Wiese mit den Fahrgeschäften verwandelte sich in eine riesige Pfütze. "Da bietet der Lahrer Stadtpark ja mehr", maulte einer der ersten Besucher. Nicht einmal die eigenen Angestellten waren richtig überzeugt. "Und was macht ihr gegen die Schnaken?", fragte ein Mechaniker. Als Freizeitangler kannte er das Gelände am Rhein.

Schnaken? Hunderttausende Stechschnaken, alle hungrig und wild auf das Blut der Besucher? Das fehlte noch. Die Macks waren schon froh, dass sie die Eröffnung rechtzeitig geschafft hatten. Dass Monza-Piste, Märchenallee, Minigolf und Mississippi-Dampfer zum 12. Juni fertig wurden. Ein Schlosspark mit uralten Bäumen, ein Dutzend Fahrgeschäfte für Familien, ideal gelegen am Rand der Autobahn Karlsruhe - Basel. Das war das Konzept. Und jetzt Schnaken!

Die Schnaken kamen nicht. Die Besucher schon. 250 000 waren es im ersten Sommer. Das war vor 25 Jahren. 250 000, soviel kommen inzwischen in einem guten Monat. Gut drei Millionen Besucher gaben sich in der vergangenen Saison dem Spa? hin. Damit ist der Europa-Park das beliebteste Ausflugsziel für Touristen in Deutschland - noch vor Rothenburg ob der Tauber, dem Berliner Reichstag und dem Deutschen Museum in München. Aus 250 000 Gästen sind längst 50 Millionen Besucher geworden. Der Mann, der dies auf die Beine stellt, hei?t Roland Mack, ist gerade fünfzig Jahre alt geworden und gibt sich als nimmer-müder Manager, der die Krawatte meist locker trägt. Roland Mack hat natürlich auch ein Büro, aber dort ist er selten anzutreffen. Mit Besuchern trifft er sich am liebsten im Park: Da ist zu sehen, was geschaffen wurde. Geschäftsführender Gesellschafter der Mack-Gruppe - genau wie Jürgen, der jüngere Bruder, und Senior Franz Mack -, das ist die korrekte Bezeichnung. Kinder haben einen besseren Titel. Für die ist Roland Mack "Der König des Europa-Parks". 62 Hektar gro? ist sein Reich, das entspricht immerhin der Hälfte des Fürstentums Monaco. Versorgt und in Schuss gehalten wird das kleine Land in der Saison von 2000 dienstbaren Geistern: Gärtnern, Eisverkäufern, Elektrikern, Artisten, Reitern, Köchen und Barkeepern. Und das Staatsziel ist ohnehin klar: Unterhaltung für Familien, und dies möglichst sensationell und spektakulär.

Das hat Roland Mack im vergangenen Vierteljahrhundert so gut hingekriegt, dass der Freizeitpark nicht nur die unumstrittene Nummer eins in Deutschland ist, sondern auch als global player ganz vorne mitspielt. Weltweit gibt es nur fünf Parks mit Saisonbetrieb, die mehr als drei Millionen Besucher haben ? der Europa-Park ist einer von ihnen.

Die Gemengelage von Shows, Achterbahn, Themenpark und Schlossgarten mausert sich vom Ausflugsziel zur Destination von Kurzurlauben. Wer Ferien in Rust machen will, muss übernachten. Die Macks haben mittlerweile zwei Hotels mit 1250 Betten, die zu mehr als 90 Prozent ausgebucht sind. Und dies reicht noch nicht. Roland Mack, im vergangenen Jahr als "Hotelier des Jahres" ausgezeichnet, hat schon neue Pläne.

lts`s no business like show-business - die Spielregeln der Branche kennt Roland Mack aus dem Effeff. Einzigartige Erlebnisse zu vermitteln, das ist sein Beruf. Vielleicht sogar Berufung. Von Haus aus ist er Tüftler und Schrauber: In Karlsruhe hat er Maschinenbau studiert. Weil dies eher gegen den Willen des Vaters war, musste er sich Wochenende für Wochenende anhören: "Nicht diskutieren, schaffen musst du"! Luftschlösser nannte der Senior manche der Ideen des Sohns - und hat sich dann doch ans Rei?brett gesetzt und entworfen. Die Bahn, die dabei herauskam, war meist etwas niedriger, kürzer und langsamer als die Vorstellung des Jungen. Aber es war die Bahn. "Ich habe einen Riesenrespekt vor dem Vater".

Vor allem hat Roland Mack überzeugt, dass das Geschäft mit dem Vergnügen ein ganz und gar reelles Unternehmen ist. Im Europa-Park gibt es keinen Rummel-Schmuddel, hier zeigt sich Europa von seiner saubersten Seite. Die Zeiten, in denen er Politiker und Wirtschaftsführer von der Ehrlichkeit seiner Arbeit überzeugen musste, sind vorbei. Im Europa-Park wurden Parteitage abgehalten, hier treffen sich Firmen, hier amüsiert sich das baden-württembergische Landeskabinett, die Führungsriege von Burda oder das Europa-Parlament.

Einfach war es nicht: Als das aus Waldkirch stammende Unternehmen mit mehr als 200 Jahren Erfahrung im Rutschen- und Karussellbau sich 1973 anschickte, einen Freizeitpark zu eröffnen, sahen nicht wenige den Pleitegeier über Rust kreisen. Mit derlei Verrückten wollten weder Politiker, Banker noch Bauern was zu tun haben. Die lndustrie- und Handelskammer torpedierte das Unterfangen: Europa-Park? Der Name sei Hochstapelei. Inzwischen haben die Macks an die 700 Millionen Mark in das "Schnakenloch" investiert.

So ein Erfolg macht Appetit, auch andere finden am Geschäft mit der Freizeit Gefallen: Der Stahlkocher Krupp/Thyssen will über seine Immobilienfirma in die Branche einsteigen. Das ZDF plant einen riesigen Medienfreizeitpark in Mainz. Lego eröffnet 2002 im bayerischen Günzburg einen Park für Kinder, Playmobil baut in Nürnberg, Ravensburger Spiele versuchen am Stammsitz seit drei Jahren den Einstieg.

Die Konkurrenz schadet den Macks nicht. Die Waldkircher Werkstätten exportieren ihre Fahrgeschäfte in alle Welt. Wenn irgendwo auf der Welt ein Freizeitpark eröffnet wird, Macks sind dabei. Das Geheimnis des Erfolgs? "Das Konzept hat gestimmt", sagt Roland Mack, eigentlich würde er alles wieder gleich machen. Nur vielleicht etwas anderes studieren. Und was? Die Antwort ist nicht nur spa?ig gemeint: "Theologie - damit ich die Menschen besser verstehen kann".

Und die Schnaken? Die gibt`s wirklich, sagt Roland Mack "Nachts."

© 2000 Badische Zeitung