Auf Kommando ausflippen oder nur rumstehen

DJ Bobo dreht sein Musikvideo zu "What A Feeling" im Europa-Park in Rust - eine anstrengende Sache für den Künstler und für drei Garnituren Publikum

Von Andreas Becker

Irgendwas stimmt hier nicht. Schönheit und Farbenpracht des Globe-Theatre im Europa-Park werden überblendet von riesigen Scheinwerfern - und überall dröhnt es aus Lautsprecherboxen: "Näher zusammen bitte! Und weiter laufen! Schön dicht zusammen rutschen!" Und folgsam laufen und rutschen die Statisten für DJ-Bobos Musikvideo zur neuen Single ,"What A Feeling", einem Duett mit der amerikanischen Altmeisterin Irene Gara.

Rund um die kreisrunde Freilichtbühne, überdacht von schwarzem Stoff und gekrönt von einer frei schwenkbaren Kamera ist das Publikum ein bisschen wie eine Viehherde zusammen gepfercht. Doch das stört die wenigsten. In ihren farbenprächtigen Klamotten - wie in der Einladung verlangt - warten sie ebenso gespannt wie vergeblich auf ihren Star - weniger bekannt unter seinem bürgerlichen Namen Rene Baumann.

Lediglich die Videocrew watschelt über die Bühne, macht hier was am Licht, bastelt dort am Bühnenbild. Ein mit Mikrofon und Flüstertüte bewaffneter Filmmensch gibt Anweisungen: "Alle schwarz Gekleideten und Alten nach vorne, die Bunten nach hinten!" Eine Viertelstunde später erscheint dann endlich Rene - und die Menge flippt aus, als wollte sie ausbrechen. Unter DJ Bobos schwarzen Ellenbogenschonern sind wei?e Bandagen zu sehen: Das ist alles, was von seinem Feuer-Unfall am Donnerstag zu sehen ist. Wie es zu der vorzeitigen Explosion der Pyro-Kiste kommen konnte, ist nach wie vor ungeklärt. Trotzdem dreht Bobo - mit Verbrennungen zweiten Grades weiter. Auch Augenbrauen und Kopfhaare waren vensengt. Sein Friseur und Stilist hat ganze Arbeit geleistet. Mit aufgesetztem Ernst bittet DJ Bobo die Fans, seine Partnerin Irene Cara doch bitte genauso herzlich zu begrü?en, wie ihn: "Sie wei? nämlich nicht so recht, was sie von uns Europäern halten soll".

Und los geht`s. Anfangsszene: Bobo mit seinen vier Tänzern Curtis, Dany, Alex und Markus auf der Bühne zwischen den Säulen. Kamera kommt von hinten, schwenkt Bobo fällt und ? cut. Die erste Szene dieses Tages, gerade mal drei?ig Sekunden. Aber der Regisseur ist längst nicht zufrieden: Noch mal! Und noch einmal. Nach vier Versuchen und einer halben Stunde ist die Szene endlich im Kasten. Was macht das Publikum? Auf Kommando ausflippen. Ansonsten rumstehen und zuschauen, wie Rene zurecht gerückt wird und wie Regieassistenten versuchen, ja nicht ins Bild zu kommen. Immer wieder Wiederholungen: Langeweile kommt auf, einige setzen sich auf den Boden, enttäuschte Gesichter ringsum: Das hatte man sich anders vorgestellt.

Als Bobos Duettpartnerin Irene Cara, gefolgt vom zehnköpfigen Gospelchor, erscheint, wird artig applaudiert. Nur noch die vorderste Reihe des Publikums scheint wach zu sein. Drei Stunden gilt es auszuharren. Um siebzehn Uhr ist die zweite Gruppe dran. Die erste wird hinaus gedrängt, die Security treibt alle aus dem Gatter.

Auch bei der zweiten Garnitur Publikum lässt Bobo auf sich warten. Nach einer halben Stunde begrü?t er die Neuen und alles geht von vorne los: Ständige Wiederholungen, Umbaupausen, genervte Gesichter - im Publikum und bei der Crew. Die Sängerin - und Bobos Freundin - Nancy stö?t sich den Arm an einer der Säulen und wird gleich untersucht. Ein unfallträchtiger Dreh. Diesmal ist aber nichts passiert und Nancy kann gleich weiterdrehen. Zur ?berbrückung einer Umbaupause bekommt das Publikum dann später mal den ganzen Song serviert, eine Ehre, die nur wenigen vor der geplanten offiziellen Veröffentlichung im Januar vergönnt sein wird - und die dem Gefühl entgegenwirkt, den ganzen Tag vergeudet zu haben.

Während drinnen kräftig überzogen wird, wartet drau?en im Regen die dritte Publikums-Besetzung, so auch Jessica Busch, 17 Jahre, und Sabine Opaszowski, 24 Jahre. Schlechtes Timing und lange Wartezeit nerven. Und bei solchem Wetter drau?en warten zu müssen, frustet. "Es stand nicht auf der Einladung, dass wir so spät dran sein würden" beklagt sich Jessica, die schon seit einer Stunde auf ihren Auftritt wartet. Verwirrt ist sie obendrein wegen der Kleiderordnung: "Zuerst hie? es, wir sollen möglichst bunt kommen. Und jetzt sollen wir, wenn`s geht, schwarz gekleidet sein". Glück für die beiden, dass sie noch schwarze Sachen dabei haben. Au?erdem mussten sie nur vom Kaiserstuhl anreisen. Denen, die aus Köln oder sogar aus Hamburg kamen, wird die Warterei zu blöd: Unmut macht sich breit und als sich mit über einer Stunde Verspätung endlich die Pforten des Globe-Theatre für die letzte Publikumsrunde öffnen, sind viele längst auf und davon. Da mischt sich der Reporter unter die Fliehenden - nach einem langen Tag, der etliche Wünsche offen lässt.

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