Wer nicht kam, hat etwas verpasst

Herrliches Wetter und gute Stimmung in Rust beim Prolog zur Tourde Suisse /Zuschauerzahlen hinter den Erwartungen.

Von unserem Redakteur Hubert Fetterer

RUST. "Mama, klatsch". Das kleine Mädchens am Stra?enrand wusste, wie man Radrennfahrer zu Höchstleistungen antreibt. Und die Stimmung im Dorf gestern Nachmittag beim Prolog zur Tour de Suisse war blendend. Allerdings: Die erwarteten 10 000 Besucher kamen bei weitem nicht.

Entsprechend geknickt war zu Beginn des Rennens Martin Schacht, Vorsitzender der Ruster Vereinsgemeinschaft. Drei Tage vorher hatte er Urlaub genommen, um 6 Uhr war er am Renntag aufgestanden, wie viele der insgesamt 290 Helfer auch. Doch die erwarteten Menschenmassen waren ausgeblieben ? gro?e Lücken klafften entlang der Absperrgitter im Dorf.

Neun Verpflegungsstände hatte die Vereinsgemeinschaft in Betrieb, aber die Aussicht auf Gewinn schien wie eine Seifenblase zerplatzt. "15 000 Weckle sind bestellt, 2000 Steaks gewürzt und gerichtet, was wir von denen nicht verkaufen, können wir wegschmei?en", sagte Schacht enttäuscht. "Die Veranstalter haben uns völlig unrealistische Besucherzahlen genannt", meinte er. Kurz nach 13 Uhr habe er mit Kollegen gerade Mal 73 Nicht-Ruster entlang der Strecke im Dorf gezählt, verdeutlichte Schacht die relative ?bersichtlichkeit.

Dennoch: Vom Veranstalter gab es schon im Vorfeld Lob für die Vorbereitungen von Vereinen, Feuerwehr und DRK. "Schade, dass die ganze Arbeit auf so wenig Echo stie?", bedauerte eine Besucherin beim Dorfbrunnen, wo sich zum Rennbeginn um 14.20 Uhr rund 60 Personen versammelt hatten.

Zwei junge Damen waren ob ganz anderer Eindrücke au?er sich. Vor dem VIP-Bereich für die ganz wichtigen Leute auf dem Parkplatz des Europa-Parks hatten sie beobachtet, wie einer der Radrennfahrer ganz ungeniert seine Montur wechselte und kurzfristig nur mit einer Unterhose bekleidet neben einem Auto stand. Unansehnlich war der Anblick offenbar nicht: "Eine Figur wie eine Gazelle", lautete der anerkennende Kommentar.

Dieses Kompliment galt freilich nicht für alle, die als Zuschauer glaubten ? dem Anlass angemessen ? in Radlerhosen an der Strecke stehen zu können. Und manchem dieser Hobbyradler mag bewusst geworden sein, warum er einen 7,9 Kilometer langen Rundkurs niemals auch nicht annähernd mit einem Durchschnittstempo von 49 Stundenkilometern wird bewältigen können wie die Profis.

Dennoch, die Stimmung im Dorf und auch au?erhalb, wo sich an interessanten Passagen, speziell an Kurven, mehr und mehr Zuschauer einfanden, blieb das ganze Rennen über sehr gut.

Besonders viel los war im Start- und Zielbereich beim Europa-Park-Parkplatz. Entsprechend zufrieden war Engelbert Gabriel vom Organisationskomitee, der sich besonders über das Lob von Marc Birer, Chef der Vermarktungsfirma der Tour, freute. "Da müssen sich andere eine Scheibe abschneiden von dem, was in Rust geboten wird", habe Birer gesagt.

Um 15.40 Uhr, als im Schweizer Fernsehen die Direktübertragung des Rennens begann, stiegen dann die Hubschrauber auf und sendeten Bilder von der Strecke und auch vom Europa-Park. Für Bürgermeister Günter Gorecky ein Anlass, nochmals auf die Werbewirksamkeit der Veranstaltung für Rust hinzuweisen. Dass die vom Veranstalter prognostizierten Zuschauerzahlen nicht erreicht wurden, daran gab es auch für Gorecky nichts zu deuteln. "Die Tour de Suisse hat in der Schweiz eben einen ganz anderen gesellschaftlichen Stellenwert", meinte Gorecky, der beim Prolog vergangenes Jahr im Land der Eidgenossen selbst dabei war ? als einer unter 20 000 Zuschauern.

Dennoch, die Organisation seitens Vereinen, DRK und Feuerwehr habe hervorragend geklappt. "Es tut mir leid für alle Beteiligten, dass die Erwartungen auf ein finanzielles Zubrot nicht erreicht wurden", so Gorecky. Von einem Minusgeschäft wollte er allerdings noch nichts wissen. Immerhin, so die Schätzungen gegen 16 Uhr, waren es doch noch gut 3000 Zuschauer geworden. Und schlie?lich blieb die Hoffnung, dass bei dem herrlichen Wetter nach Feierabend noch einige Radsportfreude den Weg nach Rust finden würden.

© 2001 Badische Zeitung