Interview Badische Zeitung - Frühjahr 2003

"Uns treibt kein Gigantismus"

BZ-INTERVIEW mit dem Chef des Europa-Parks, Roland Mack, über seine Vorbilder, Visionen und seinen Mangel an Freizeit im Freizeitpark

Er begann im väterlichen Betrieb in Waldkirch als Karussellbauer. Heute ist er einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands: Roland Mack (53), Geschäftsführer des grö?ten saisonalen Freizeitparks Europas. Vor dem Saisonstart am 5. April sprachen mit ihm Petra Kistler und Stefan Hupka.

Badische Zeitung:
Sie bieten Freizeitpark, Vergnügen, Unterhaltung an, und das in Zeiten des Krieges. Müssen Sie sich Sorgen machen ums Geschäft?
Roland Mack:
Das wissen wir noch nicht - so kriegserfahren sind wir gottlob nicht.

Badische Zeitung:
Haben Sie den 11. September gespürt?
Roland Mack:
Ein, zwei Tage lang vielleicht, als keiner mehr vom Fernseher wegging.

Badische Zeitung:
Sind gar Krisenzeiten für Sie gute Zeiten?
Roland Mack:
Eher ja. Wir haben drei Rezessionen erlebt, und in jeder Rezession haben wir zugelegt. Die Konsumenten bremsen bei Investitionen, bei Fernreisen, aber die überschaubaren Kurzreisen gönnen sie sich weiter. Auch der Park gibt Gas: Das neue Hotel entsteht in einer Phase, in der der Mittelstand mit Investitionen eher zurückhaltend ist.

Badische Zeitung:
Wollen Sie sagen, die Krise, unter der alle ächzen, hat sich bei Ihnen in Rust noch gar nicht blicken lassen?
Roland Mack:
In der Tat. Nicht einmal die Pro-Kopf-Ausgaben der Gäste im Park sind zurückgegangen. Wenn sich die Familien entscheiden, hier einen Tag zu verbringen, soll der Tag auch schön sein.

Badische Zeitung:
Europa-Park, du Insel der Glückseligen!
Roland Mack:
Warten wir mal ab. Noch ist der Krieg nicht vorbei.

Badische Zeitung:
Sie schielen auf das Fernpublikum, oder warum interessieren Sie sich so für den Flughafen Lahr?
Roland Mack:
Wenn wir das Einzugsgebiet vergrö?ern, brauchen wir am Produkt selbst gar nicht viel verändern. Wir erfüllen ja die Bedürfnisse von Menschen, die in Hamburg, London oder Leipzig wohnen. Wir müssen nur die Infrastruktur schaffen - das kann ein Intercity-Anschluss oder ein Flughafen sein.

Badische Zeitung:
Würden Sie den Flughafenbetrieb zur Not auch alleine stemmen?
Roland Mack:
Wir wollen selbst nicht aktiv werden, wir haben nur Bedarf angemeldet. Solange es keine Flüge von Stra?burg nach Hamburg oder Leipzig gibt, müssen wir uns für einen Flughafen in Lahr stark machen.

Badische Zeitung:
Erwarten Sie vom Land, dass es zuschie?t?
Roland Mack:
Wir leben in einer Marktwirtschaft. Wenn die Lahrer sagen, wir betreiben den Flughafen auf eigenes Risiko und wenn das Land sagt, es gibt keine Subventionen, dann steht einer Genehmigung eigentlich nichts im Weg.

Badische Zeitung:
Haben Sie je Subventionen erhalten?
Roland Mack:
Nein, wird sind immer ohne ausgekommen.

Badische Zeitung:
Jenseits der Grenze sieht das anders aus. Das im Elsass geplante "Bioscope" wird vom Staat unterstützt.
Roland Mack:
Deshalb haben wir auch scharf protestiert. Konkurrenz belebt das Geschäft, aber bitte mit gleichen Bedingungen! Was passiert, wenn der Wissenspark nicht läuft? Dann ändern die das Konzept, und zwar in Richtung Europa-Park.

Badische Zeitung:
Reizt Sie nicht ebenfalls ein Science Center?
Roland Mack:
Wir befragen die Gäste nach ihren Wünschen: Wollen sie ein Hotel, ein Spa?bad oder ein Science Center? Aber dass wir so etwas finanzieren oder umsetzen, soweit sind wir noch längst nicht.

Badische Zeitung:
Wer entscheidet über den Europa-Park der Zukunft - die Marktforschung oder ihr Bauch?
Roland Mack:Beides.

Badische Zeitung:
Und was ist wichtiger?
Roland Mack:
Bislang war es der Bauch. Ich kenne den Markt und die Branche, und ich bin täglich im Geschäft und sehe, wo die Besucher richtig Spa? haben. Ich kenne meine Gäste, mein Einzugsgebiet, kann meine Kunden befragen. Deshalb wäre es töricht, entsprechende Daten zu ignorieren.

Badische Zeitung:
Haben Sie eine Vision für "Europa-Park 2025"?
Roland Mack:
Wir müssen mehr und mehr zum Kurzreiseziel werden. Familien, die drei, vier Tage bleiben wollen, muss ein Rundumpaket angeboten werden: Hotels, Angebot für den Abend, vielleicht ein weiterer Park oder ein Spa?bad. Jetzt eröffnen wir ein Vier-D-Kino, das auch als Abendkino genutzt wird.

Badische Zeitung:
Haben Sie irgendwo auf der Welt ein Vorbild?
Roland Mack:
Disney ist ein Unternehmen, das in diese Richtung geht. Disney ist, wie wir, ganz klar auf die Familie ausgerichtet. Mittlerweile beliefern wir Disney mit unseren Fahrgeschäften.

Badische Zeitung:
Las Vegas, Glücksspiel, Erotik - ist das etwas, das Sie reizen würde, beruflich versteht sich?
Roland Mack:
Nein, im Moment denken wir daran überhaupt nicht. Sicher sind wir auch nicht von Gigantismus getrieben. Wir versuchen lediglich das zu tun, das uns auch morgen noch Kunden bringt.

Badische Zeitung:
Wo sind die Grenzen Ihres Wachstums?
Roland Mack:
Wir haben nicht das Ziel, ein europaweites Angebot zu schaffen. Wir wollen auch nicht Kunden aus China oder Japan ansprechen. Mit den Geländereserven an der Autobahn sind wir ausreichend versorgt. Disneyland in Paris hat sich 2000 Hektar Gelände gesichert. Mit 60 Hektar Parkgelände und 100 Hektar Erweiterungsgelände sind wir noch relativ bescheiden.

Badische Zeitung:
Haben Sie Angst vor einem Sättigungsgrad, davor, dass die Leute gähnen, wenn sie Europa-Park hören?
Roland Mack:
Das hat man immer. Es ist wie das Lampenfieber des Künstlers, der Angst hat, dass er versagt. Manchmal wache ich auf und stelle mir vor, der Tag ist zwar schön, aber heute kommt keiner. Wir wissen ja nicht, wer kommt. Der Vorverkauf beläuft sich nur auf 20 Prozent.

Badische Zeitung:
Die Ruster haben ein zwiespältiges Verhältnis zum Europa-Park. Einerseits bringt er Wohlstand, andererseits hat er das Leben hier stark verändert.
Roland Mack:
Positiv verändert. Es gibt kaum einen Hausbesitzer, der nicht auch Fremdenzimmer anbietet. Lange hat der Ort unter dem Verkehr gelitten. Mit der Umgehungsstra?e ist das gelöst. Die Chancen, die wir mit dem Park bieten, sind eindeutig und deshalb gibt es kaum Widerstände im Ort.

Badische Zeitung:
Das hängt auch mit dem frühen Feierabend zusammen. Würden Sie das gern ändern?
Roland Mack:
Das ist in der Tat schade. Der Park liegt zu nahe am Dorf. Wenn er abends einfach weiterlaufen könnte, und zwar noch schöner, nämlich mit Beleuchtung, das wäre etwas!

Badische Zeitung:
Warum geht das nicht?
Roland Mack:
Wegen des Lärms. Deswegen haben wir ja gerade das gute Auskommen mit Rust. Um halb sieben schlie?t der Park. Dann tritt hier Ruhe ein. Das ist aber andererseits ein Standortnachteil.

Badische Zeitung:
Vor allem für die Hotelgäste.
Roland Mack:
Genau. Bei 1000 Betten sind es vielleicht 50, denen die Nacht zu lang wird. Aber wenn es einmal noch wesentlich mehr Betten sind, muss man sich was einfallen lassen.

Badische Zeitung:
Zum Beispiel?
Roland Mack (lacht):
Da würde mir manches einfallen.

Badische Zeitung:
Früher "schaffte" man den Park an einem Tag. Sie arbeiten daran, dass man drei Tage braucht, richtig?
Roland Mack:
Ja, das ist aber auch zwingend notwendig. Wir haben 80 Prozent Wiederholer, die erwarten auch Veränderungen.

Badische Zeitung:
Veränderungen hei?t Erweiterungen?
Roland Mack:
Ja, bisher war das immer so, deshalb führen unsere Veränderungen auch zur Verlängerung der Aufenthaltsdauer.

Badische Zeitung:
Wollen Sie ein Familienunternehmen bleiben?
Roland Mack:
Ja. Doch wir stehen im Wettbewerb zu anderen Anbietern, und letztlich entscheidet der Kunde. Und der kommt freiwillig und nicht auf Krankenschein. Wenn wir es als Familienunternehmen schaffen, dass er immer freiwillig herkommt, besteht keine Notwendigkeit, dass wir uns in eine Aktiengesellschaft umwandeln. Ich wäre auch nicht der Prototyp um eine AG zu führen.

Badische Zeitung:
Wieso nicht?
Roland Mack:
Für eine AG gibt es nur zwei Gründe: Entweder wollen Sie Kasse machen, weil Sie Familienprobleme nicht lösen können, oder Sie bekommen das Wachstum nicht durchfinanziert. Wenn Sie beides verneinen können, gibt es keinen Grund an die Börse zu gehen.

Badische Zeitung:
Bei Ihnen gehen die Mächtigen dieser Republik ein und aus. Sind Sie stolz darauf?
Roland Mack:
Es schmückt uns, wenn sich herumspricht, dass in Südbaden etwas entstanden ist, wo es sich hinzufahren lohnt.

Badische Zeitung:
Gehen Sie auf diese VIPs zu?
Roland Mack:
Nein, die auf mich! Soll ich etwa verhindern, wenn sie reinwollen? Das wäre ja feudales Gehabe. Wenn uns in Amerika der Preis als weltweit schönster Freizeitpark zugesprochen wird, ist es vielleicht nur normal, dass auch mal ein Staatsoberhaupt, Bundeskanzler oder Au?enminister sagt, jetzt will ich mir dies auch mal anschauen.

Badische Zeitung:
Sie sind oft in den Medien. Wie schaffen Sie es dennoch, sich aus Schlagzeilen rauszuhalten?
Roland Mack:
Für die Ma?stäbe dieser Branche leben wir solide und bürgerlich.

Badische Zeitung:
Ist ihrem Vater die Entwicklung manchmal unheimlich geworden?
Roland Mack:
Unheimlich nicht, aber er hätte es gern beschaulicher gehabt. Er sagt oft, zahle erst mal das Alte, und dann denkst du an das Neue. Nimm den Fu? ein bisschen vom Gas, wir brauchen das Tempo nicht. Vom Ansatz her hat er Recht. Aber ich treibe neue Ideen stets parallel weiter. Die Kunden und die Medien wollen es so. Bei jener Eröffnung fragen die: Ganz nett, aber was kommt als nächstes?

Badische Zeitung:
Es gibt Unternehmen, da klappt die Generationenfolge nicht. Wie macht man das?
Roland Mack:
Mein Vater hat das unheimlich gut hinbekommen. Er hat den richtigen Riecher für den Standort gehabt, er hat gegen alle Widerstände und mit höchster persönlicher Belastung an dem Konzept festgehalten. Und er hat einen rechtzeitigen ?bergang zur nächsten Generation hergestellt. Ich war von Anfang an beteiligt. Natürlich war es nicht immer einfach, aber es blieb sachlich. Im Konfliktfall hat dann die Mutter ausgeglichen.

Badische Zeitung:
Denken auch Sie schon an Weitergabe?
Roland Mack:
Nicht, was die Beteiligung angeht. Aber die Jungs werden auf ihre Aufgaben vorbereitet. Michael macht ein internationales Studium in Lörrach, Basel und Mülhausen, Thomas studiert Hotelfach in der Schweiz. Und Ann-Katrin ist noch zu jung.

Badische Zeitung:
Es wird beklagt, dass in der Politik zu wenige Unternehmer sitzen. Sie haben bei der Wahl des Bundespräsidenten einen kleinen Ausflug für die CDU gemacht. Kommt da noch mehr?
Roland Mack:
Das hat nicht viel Zeit gekostet.

Badische Zeitung:
Reizt Sie die Politik?
Roland Mack:
Das Interesse ist da, nur die Zeit fehlt. Ich wüsste nicht, wie sich die Firma hätte so entwickeln können, ohne dass ich hier jeden Tag 16 bis 18 Stunden herumspringe. Auch kann ich mehr gestalten. In der Politik sind sie nur einer unter vielen.

Badische Zeitung:
Sie haben viel Kontakt zu Politikern. Wollen die Ihre Meinung hören?
Roland Mack:
Politiker sind ziemlich beratungsresistent. Und Gespräche mit ihnen teilweise recht monologisierend. Deshalb zieht es mich zu diesem Berufsstand auch nicht so wahnsinnig hin. Aber diese Leute sind auch wichtig für uns. Wenn sie hier sind und, wie etwa Roman Herzog, vor der Kamera dem Europa-Park Komplimente machen, hilft uns das natürlich uns am Markt zu etablieren.

Badische Zeitung:
Welches Kompliment würden Sie gerne über sich als Unternehmer lesen?
Roland Mack:
Er hat `ne solide Leistung abgelegt. Er war pflichtbewusst, hat das Familienunternehmen nicht nur geerbt, sondern auch erfolgreich weiterbetrieben und hat`s geschafft, es in die nächste Generation zu führen.

Badische Zeitung:
Und das alles trotz oder wegen der obwaltenden politischen Rahmenbedingungen?
Roland Mack (lacht): Trotz.

ROLAND MACK
wurde am 10.12.1949 in Freiburg geboren und wuchs in Waldkirch auf. Er studierte in Karlsruhe Maschinenbau, war Schwei?fachingenieur in der väterlichen Karussellfirma Heinrich Mack GmbH & Co. und ist seit der Eröffnung des Europa-Parks am 12. Juli 1975 dessen geschäftsführender Gesellschafter. Heute hat der Park 3,5 Millionen Besucher im Jahr. Mit dem dritten Hotel, das derzeit gebaut wird, gehört der Park auch zu den gro?en Hotelanbietern. 2000 wurde Roland Mack "Hotelier des Jahres", bekam das Bundesverdienstkreuz und wurde vom französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac zum Ritter des "Ordre national du Mérite" geschlagen.

© Badische Zeitung 2003