Interview Die Zeit - 23.02.2002

4g mit Querbeschleunigung

Von Olaf Krohn

Roland Mack (52) ist Sohn einer traditionsreichen Karussellbauerfamilie. Im Europa-Park Rust lä?t er gerade eine der grö?ten Achterbahnen Europas montieren

Die Zeit:
Sie sind mit Fahrgeschäften gro? geworden, in Ihrem Elternhaus werden seit Generationen solche Kirmesattraktionen gebaut. Heute gehört der Familie auch Deutschlands grö?ter Freizeitpark im südbadischen Rust. Vertragen Sie eigentlich das Karussellfahren?
Roland Mack:
Nicht mehr. Jedenfalls nicht die ganz schnellen Karussells, die Schleudermaschinen. Früher war das anders, als Kind war ich immer der Testpilot in unserem Betrieb. Stundenlang. Es ist eine Frage des Alters, wie man das verträgt. Mit den Jahren verkrustet etwas im Innenohr, dadurch entsteht das Schwindelgefühl.

Die Zeit:
Dann steigen Sie auch nicht in Ihre neue Achterbahn Silver Star, die im März präsentiert wird?
Roland Mack:
O doch, mit Achterbahnen habe ich kein Problem, da freue ich mich drauf. Wir machen jetzt Testfahrten, erst mit leeren Zügen, dann mit Säcken auf den Sitzen. Ich werde dann sicher als einer der ersten Passagiere mitfahren.

Die Zeit:
Sie haben ja schon sieben Achterbahnen im Europa-Park, aber offensichtlich gibt es unter den Parkbetreibern im In- und Ausland ein Wettrüsten um den grö?ten Thrill. Ihr Silver Star beginnt seine Talfahrt beispielsweise in 73 Meter Höhe.
Roland Mack:
Schon wenn man unten steht und nur hinaufschaut, rutscht einigen das Herz in die Hose. Aber unser Publikum zwingt uns quasi dazu, immer mehr Nervenkitzel zu bieten. Wer sich in den Silver Star traut, erlebt beispielsweise 35 Sekunden Airtime.

Die Zeit:
Wie bitte?
Roland Mack:
So nennen wir es, wenn sich unterwegs das Gefühl der Schwerelosigkeit einstellt. Abwärts erreichen wir Tempo 130, und auf unsere Fahrgäste wirkt die vierfache Erdbeschleunigung, physikalisch: 4 g.

Die Zeit:
Das klingt beunruhigend nach freiem Fall.
Roland Mack:
Der T?V erlaubt sogar 5 g, aber ohne Querbeschleunigung, also ohne Kurven. Weil dann die Gefahr bestünde, dass sich die Fahrgäste Halsverletzungen zuziehen.

Die Zeit:
Sie sind gelernter Maschinenbauingenieur und konstruieren im Europa-Park Rust eine Achterbahn der Superlative. Warum haben Sie dann auf ein Looping verzichtet?
Roland Mack:
Weil wir aus Erfahrung wissen: Sobald ein Looping dabei ist, trauen sich nur noch halb so viele Menschen in die Bahn. Bei unserem Silver Star wird die untere Altersgrenze bei neun oder zehn Jahren liegen. Wer über 40 ist, schaut sich die Bahn meistens auch lieber von unten an, zudem raten wir Schwangeren sowie Menschen mit Herz- und Kreislaufproblemen von der Fahrt ab. Ich habe gehört, dass anderswo Achterbahnen mit Tempo 160 oder 170 geplant werden. Von einem bestimmten Punkt an schrumpft die Zielgruppe mehr und mehr, während die Bahnen immer teurer werden.

Die Zeit:
Die Realität sieht anders aus: An den populärsten Attraktionen müssen Kinder und Erwachsene ewig warten, bis sie endlich zum Zug kommen.
Roland Mack:
Unser Silver Star hat drei Züge und damit eine Kapazität von 1900 Personen pro Stunde. Ich glaube nicht, dass wir Beförderungsprobleme bekommen.

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