Schöpfer des schönen Scheins

VON CHRISTOPH ALBRECHT-HEIDER

Roland Mack baut regelmä?ig, eigentlich in jedem Jahr. Mack sitzt in der Lounge seines Hotels Colosseo im badischen Rust und blättert in Plänen. Sie zeigen sein neues Hotel, 270 Betten, Stil: portugiesisches Kloster, Eröffnung im Sommer 2007. Auch dieses Hotel wird in Rust stehen, einem ehemaligen Fischerdorf am Oberlauf des Rheins, das niemand kennen würde, wenn nicht die Familie Mack aus Waldkirch im Schwarzwald vor 31 Jahren dort einen Freizeitpark eröffnet hätte.

Zunächst hatte Seniorchef Franz Mack vor allem die Fabrikate der Mack Rides promoten wollen. Das Familienunternehmen, gegründet 1780, baut Fahrgeschäfte aller Art für Parks und Jahrmärkte. Die Resonanz überstieg aber alle Erwartungen. Die Entwicklung zum "Marktführer und Trendsetter" auf dem Sektor Freizeitpark in Deutschland ist für den 56 Jahre alten Roland Mack noch immer die "grö?te ?berraschung". Der Erfolgsgeschichte Europapark verdankt der leutselige Diplom-Ingenieur nebenbei die Foto-Galerie im Flur des Hotels Andaluz, vis-à-vis dem Colosseo gelegen: Prominenz jeder Profession - Bundespräsidenten, Filmschauspielerinnen, Startenöre, TV-Moderatoren, Rennfahrer - steht neben Mack. In Rust. Im Europapark.

Die Fischerstra?e ist die Grenze zwischen Dorf und Park, der oft direkt an den Bürgersteig angrenzt. Hohe Baumreihen schlie?en an vielen Stellen den Rummel blickdicht ab, der Lärm übersteigt Freibadniveau nicht, und das an einem Tag wie heute, an dem sich 25 000 Menschen direkt neben dem "staatlich anerkannten Erholungsort" mit seinen 3500 Einwohnern amüsieren.

Einerseits liegt der Europapark jwd, zwischen geschützten Rheinauen und Autobahn, andererseits unweit Frankreichs und der Schweiz. Aus diesen beiden Ländern kommen 40 Prozent der Besucher. Sie tragen wesentlich dazu bei, dass der Europapark mit 3,9 Millionen Besuchern im vergangenen Jahr fast doppelt so viele Menschen anzog wie die Nummer zwei der Branche, das Phantasialand in Brühl. Es ist dies ein Superlativ einer an Belobigungen reichen Gegenwart des Unterhaltungszentrums, von denen vielleicht noch diese zu nennen ist: Das US-Wirtschafts-Magazin Forbes zählt den Europapark als einzigen deutschen Vertreter zu den Top Ten der Freizeitparks in der Welt.

Mit 25 Beschäftigten begann es 1975, heute arbeiten knapp 3000, davon 25 Prozent Saisonkräfte, in Rust. Dazu zählt Michel Den Dulk. Er hat "England" neu entworfen. Der Niederländer sitzt seit einem Jahr an einem Schreibtisch im Verwaltungsgebäude des Europaparks, das im Schatten der "russischen" Achterbahn Euro-Mir liegt. Den Dulk ist ein Designer, der stilisiertes Ambiente mag und sich deshalb für den Entertainment-Zweig entschied.

Der 25-Jährige muss wissen, wie England aussieht und wie Menschen denken, dass England aussieht, denn wenn die Besucher auf dem Weg durch den 70 Hektar gro?en Park mit seinen zwölf europäischen Dörfern nach "England" kommen, "muss man gleich merken, wir sind in England". Tudor-Stil, sagt Den Dulk, ist England, schwarz-wei?es Fachwerk, natürlich nicht gemauert, sondern aus Beton. Eine Victoria Station, ein Pub namens Red Lion, die Shakespeare-Bühne Globe Theatre, aber nicht Big Ben en miniature, "das will Mack nicht". Eine Anmutung im Las-Vegas- oder Disney-Stil, bei der sich Länder-Assoziationen über Wahrzeichen wie Eiffel-Turm oder Matterhorn einstellen, findet sich nirgendwo im Europapark.

"Wir arbeiten bewusst mit Klischees", sagt Den Dulk, dem Detailtreue nicht schnuppe ist. Im Dorf "Holland" fiel ihm sofort auf, dass die Firste der Holzgiebel mit Kupferblechen geschützt waren. Das Metall verwenden die Holländer bei ihren grün-wei?en Holzhäusern aber nicht, und also strich man auf Den Dulks Rat das Kupfer wei? an. Der Designer, ein schmächtiger Mann mit lockigem Haar und runder Brille, hat schon in ähnlicher Funktion in Holland und in London gearbeitet und wei?, dass er Altmodisches entwerfen muss. "Romantik", sagt er, "bringt Atmosphäre und Urlaubsgefühl."

Das Schloss Balthasar fällt nicht in die Kategorie des "sieht aus wie". In einer Ecke des Parks, gegenüber vom Ruster Rathaus und umgeben von Wasserspielen, Buchsbaumhecken und Rosenbeeten, liegt das Anwesen aus dem 15. Jahrhundert, einst Zuhause der Adelsfamilie Boecklin zu Boecklinsau, heute Restaurant und Wohnsitz von Rolands Bruder Jürgen; die beiden führen mit Vater Franz die Geschäfte des Familienbetriebs. Das Schloss ist echt, der alte Baumbestand ist echt und auch die Elz, die den Park durchflie?t.

In der Freizeitindustrie aber sind Themen das gro?e Thema: Themenparks, Themenhotels, Themenwochen. Wenn das Meer zu weit weg ist, schüttet man eben Sand in der Stadt auf und nennt es Beach. Der gesamte Strip in Las Vegas ist eine einzige Imitation der grö?ten Tourismus-Heuler der Alten Welt und noch die letzte Pension fliest ihre Sauna à la römische Antike.

Wie die Dörfer im Europapark und möglichst die dazugehörigen Fahrgeschäfte national eingefärbt sind, so auch die Herbergen. Weil Deutsche bevorzugt nach Spanien reisen und Roland Mack selbst gern dort urlaubt, entstanden die ersten beiden Hotels vor elf Jahren im spanischen Stil. Die Farben Rot und Gelb dominieren. Zur Unterstützung der Illusion zieren im Andaluz gro?flächige spanische Wappen selbst Lifttüren und Getränkeautomaten. Wer ein Zimmer im Colosseo bucht, zieht in Italien ein.

Die Rechnung geht auf: Zu mehr als 90 Prozent sind die vier Europapark-Hotels mit ihren 4100 Betten ausgebucht. Zum Gesamtumsatz trägt die Hotellerie nach Macks Angaben 15 Prozent bei, das Ticketing die Hälfte, 10 Prozent das Merchandising und 25 Prozent die Gastronomie, die seit einem Monat in den Händen von Franz Kranzfelder liegt, einem 46 Jahre alten Bayern.

Das Heimweh habe ihn nach 24 Jahren im Ausland, darunter mehrere bei Hilton in Hongkong, zurückgetrieben, sagt der gelernte Koch und Sommelier, das Heimweh und die Aussicht, nach elf Jahren in leitender Food-Funktion bei Disney World in Orlando in einem Familienbetrieb arbeiten zu können. Der Direktor der Europapark-Gastronomie trägt Krawatte und hat spürbar die amerikanische "Der-Kunde-ist-König"- Schule durchlaufen. Gut 750 Beschäftigte gehören zu seiner Abteilung. 40 Köche arbeiten in der Zentralküche, in der Schnitzel zugeschnitten und paniert, Nudeln vorgekocht und Saucen angerührt werden. Zweimal am Tag versorgt die Zentrale per Elektrokarren die rund 40 Restaurants und Imbissstände im Park mit Speisen.

Auch beim Essen schlägt der Themengedanke durch, der Massengeschmack aber hat seine Grenzen. "Beim Euro-Mir gibt`s nichts Russisches" (Kranzfelder), sondern Hamburger, wie ohnehin Burger, Pizza, Schnitzel die Hauptverpflegung der im Schnitt 28 Jahre alten Besucher des Parks bilden, der ganz auf Familien setzt. Kranzfelder wei?, wann die essen ("die Franzosen um 12 Uhr, die Deutschen, wenn sie Hunger haben") und wo: "Die Leute folgen den Fahrgeschäften."

Wenn morgens um 9 Uhr der Eingang öffnet und Gärtner noch verblühte Blüten abschneiden und die ganz in Wei? gekleideten Picker mit Zangen die letzten Abfallpapierchen des Vortages in blaue Eimer stecken, steuern viele Besucher zielstrebig - 75 Prozent waren schon mal da - die attraktivsten Fahrgeschäfte an, deren unumstrittene Nummer eins der "Silver Star" ist. Die silbern schimmernden Säulen der 18 Millionen Euro teuren Achterbahn erheben sich über dem Parkplatz, weitab von Rust, weshalb die Begeisterungsschreie der Insassen, wenn`s ab der Maximalhöhe von 73 Metern abwärts geht, im Dorf nicht zu hören sind.

Bevor der erste Startknopf gedrückt wird, hat eine Gruppe von Patrick Simons Leuten eine Schicht hinter sich. Zwischen 5 und 6 Uhr beginnt täglich die Wartung aller Fahrgeschäfte. Der technische Leiter Simon, Franzose wie fast jeder zweite Beschäftigte im Europapark, ist gelernter Elektroniker und wechselte 1982 in den Amüsierbetrieb, da sein damaliger Arbeitgeber, der Schwarzwälder Audio-Hersteller Dual, in Konkurs ging.

Die 800 Beschäftigten in Simons Abteilung putzen auch und pflegen die Gärten, sie schreinern, malen und klempnern, aber das "A und O ist, dass die Bahnen laufen". Auf dem Besprechungstisch vor Simon liegen ein Walkie-Talkie und zwei Handys. "Bei jeder Störung eines Fahrgeschäfts kriege ich Meldung." Die überwiegende Mehrheit der Besucher hat schlie?lich 28,50 Euro an der Tageskasse gelassen, um im "Silver Star" durch steilste Kurven zu fahren oder im "Eurosat" in völliger Dunkelheit oder im "Poseidon" durchs Wasser.

Simon ist ein Typ wie Roland Mack, bodenständig, zupackend, ein Praktiker auch: "Das meiste könnte ich noch selbst reparieren." Das meiste wird im Europapark nach wie vor selbst gemacht, selten etwas an Fremdfirmen vergeben. Im Winter, wenn der Park bis auf die Zeit von Anfang Dezember bis Anfang Januar geschlossen ist, "haben wir viel mehr zu tun", sagt Simon. Die Sicherheitsstandards, kontrolliert vom T?V Süddeutschland, sind hoch. Alle Züge werden zerlegt, alle Bügel der Achterbahnen ausgebaut und untersucht, ja, mitunter müsse Lack entfernt werden, sofern er das Röntgen sicherheitsrelevanter Teile verhindert.

In den vier Winterwochen der vergangenen Saison besuchten 350 000 Menschen den Europapark. Birgt die kalte Jahreszeit noch Potenzial? Nein, sagt Mack, mehr geht nicht, nach dem Jahreswechsel ist "das Thema Weihnachten weg, das Laub ist von den Bäumen". Wachstum sieht er woanders. Das gro?e Thema des Europaparks, in dem auch etwa 200 Fernsehsendungen pro Jahr produziert, rund 900 Konferenzen abgehalten werden, hei?t: Entwicklung zum Kurzreiseziel. Diesem Zweck dient das neue Hotel. In der nächsten Saison wollen die australischen Betreiber des nahen Flugplatzes Lahr per Charter Europark-Besucher aus London, Wien und Rotterdam einfliegen.

Die Macks werden weiter Jahr für Jahr Attraktionen bauen, schlie?lich "erwarten die Wiederholer neue Angebote". Platz ist da. Zehn Hektar Fläche im Besitz der Familie sind ungenutzt, weitere 140 Hektar hat die Gemeinde Rust in der Nachbarschaft allgemein zur touristischen Nutzung vorgesehen. Outlet Stores könnte sich Roland Mack dort auch vorstellen, aber er wei?, dass die Einzelhändler des Dorfes das nicht wollen.

Freizeitparks waren mal die Domäne des Familienbetriebs. Jetzt ist Bewegung in den Markt gekommen. Finanzinvestoren haben auch den Marktführer auf ihre Einkaufsliste gesetzt. "Ja", sagt Mack und lacht, die Heuschrecken hätten sich schon gemeldet, "aber man muss die Tür ja nicht aufmachen, wenn jemand anklopft."

© FR Online 2006