Kontinent der Unterhaltung

Im badischen Rust im Dreiländereck Frankreich-Schweiz-Deutschland schuf die Familie Mack eine eigene Welt. Hier gehen Kultur, Vergnügen und Nervenkitzel eine einmalige Verbindung ein.

VON CHRISTIAN STAHL

Gerade noch in den Niederlanden, flaniert der Besucher an einer skandinavischen Stabkirche vorbei, um sich plötzlich in einer typisch portugiesischen Szenerie wiederzufinden. Nach einem Abstecher in ?sterreich kommt England ins Blickfeld, gefolgt von der Schweiz und Frankreich. Zwischendurch ein oder zwei rasante Fahrten in einer Achterbahn, eine abenteuerliche Bootsfahrt durch das Revier der Piraten in Batavia, eine aufregende Testfahrt mit der sowjetischen Raumstation Mir und zum Ausruhen ein Espresso in Italien. Klingt irgendwie nach einer Reise ?Europa in acht Tagen?, wie sie von fernöstlichen Touristen gern gebucht wird. Falsch, ganz falsch.

Dieses Europa liegt im Dreiländereck Frankreich-Schweiz-Deutschland und nennt sich Europa-Park. Im Jahr 1975 hatten die Unternehmer Franz und Roland Mack die Idee, ein ?Schaufenster? für ihre Produkte zu bauen. Dort sollten Kunden wie Besucher die neuen Attraktionen testen können. Allerdings benötigten die beiden für ihre Erzeugnisse ? immerhin handelt es sich um Achternbahnen und Karussells ? viel Platz. Seit Ende des 18. Jahrhunderts beliefert die Firma Mack die Welt mit Fahrgeschäften für Jahrmärkte und Freizeitparks, und daher sprengte das ?Schaufenster? von Beginn an alle Dimensionen.

In den vergangenen Jahrzehnten entwickelte sich der Europa-Park zum deutschen Marktführer und zum weltweit grö?ten saisonal geöffneten Freizeitpark. Gut vier Millionen Menschen lassen sich jedes Jahr von der einmaligen Atmosphäre verzaubern. Allerdings wird der Begriff ?Freizeitpark? der Anlage im Badischen bei weitem nicht gerecht. Wie in keinem anderen Park gelang den Macks in Rust eine einmalige Mischung aus Unterhaltung, Kultur, Entspannung und Nervenkitzel, den die zumeist aus eigener Fertigung stammenden Achterbahnen, Wasserrutschen und Karussells bieten. Und wo gibt es schon einen Themenpark, in den ein echtes Schloss aus dem 15. Jahrhundert einschlie?lich seines herrlichen Parks integriert ist?

Längst sind die skeptischen Stimmen verstummt, die die Eröffnung der Anlage begleiteten. Der entscheidende Schritt zum Marktführer gelang dem Unternehmen, als 1982 der Italienische Themenbereich eröffnet wurde und die konsequente Umsetzung des Europagedankens eingeleitet wurde. Achterbahnen können auch andere Parks bieten, im Europa-Park kommt auch noch eine einmalige Atmosphäre hinzu, die andere Parks nicht erreichen können. Die Einbettung der Fahrgeschäfte in das europäisch ausgerichtete Ambiente hat etwas Einmaliges, schafft eine Atmosphäre, wie sie so nur hier denkbar ist.

Selbst wer keine einzige Attraktion besucht (was eigentlich nicht vorstellbar ist), wird hervorragend unterhalten. Es macht einfach Spa?, durch die Stra?en der verschiedenen Länder zu bummeln, sich umzuschauen, einzukehren, sich treiben zu lassen und einfach einen schönen Tag zu verleben.

Diese Atmosphäre ist das Werk des renommierten Bühnenbildners und Filmarchitekten Ulrich Damrau, der konsequent und mit viel Liebe zum Detail seine Europa-Welt schuf. Auch wenn Damrau aus der Welt der Illusion stammt, seine Konstruktionen in Rust sind grundsolide, so wie es man im Badischen eben kennt. Natürlich konnten weder der Künstler noch sein Auftraggeber ahnen, welche Dynamik die europäische Einigung entwickeln sollte. Ihr Konzept hatte in der Tat etwas Visionäres. Im Laufe der Jahre entstand dank Damraus Leidenschaft ein unverwechselbares Gesamtkunstwerk mit zwölf europäischen Themenbereichen, die in ihrer Originalität unerreicht sind.

Glücklicherweise verzichtete der kreative Geist darauf, Sehenswürdigkeiten einfach nachzubauen, sondern schuf mit seinen Bauten vielmehr treffsicher die unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Länder. Damrau und Franz Mack verband vor allem ein au?erordentlich hoher Qualitätsanspruch, der sich an allen Stellen des Parks zeigt. Gastronomie, Fahrgeschäfte, Gartenanlagen und Shows erfüllen höchste Ansprüche, was sich nicht zuletzt an den zahlreichen Auszeichnungen und Bestnoten von unabhängigen Testern wie der Stiftung Warentest zeigt. Insgesamt 48-mal wurde die Anlage mit Höchstnoten bedacht.

Für den Freizeitforscher Horst W. Opaschowski ist der Park immerhin ein Stück Zukunft. ?Erlebe dein Leben ? so hei?t die Prognose für die Zukunft. Die Zukunft hier in Rust hat längst begonnen?, schrieb er nach einem Besuch ins Gästebuch.

Die Hauptattraktionen des Parks sind allerdings unbestritten die Achterbahnen ? schlie?lich ist die Firma Mack-Rides im benachbarten Waldkirch einer der Weltmarktführer in diesem Geschäft ? und da vor allem der Silver Star, die mit 73 Metern höchste und grö?te Achterbahn Europas. Rasanz ist schon im Wartebereich der Bahn angesagt, wo Mercedes-Benz einige seiner legendären Rennwagen ausstellt und in einem Film die Erfolge der Marke in der Formel 1 und der DTM präsentiert. So eingestimmt nimmt man Platz und lässt sich mit bis zu 130 km/h über die 1620 Meter messende Bahn katapultieren.

Eine Premiere der besonderen Art ist die Wasserachterbahn Poseidon, die erste ihrer Art in Europa. Ruhiger, aber dennoch aufregend und unterhaltsam geht es in den sogenannten Animatronic-Fahrten zu, wie bei den ?Piraten in Batavia?, in dem von dieser Saison an ein neues Restaurant mit asiatischen Spezialitäten frisch aus dem Wok zum Verweilen einlädt, oder dem ?Universum der Energie?, wo die Besucher mithilfe von computergesteuerten animierten Puppen in fremde Welten versetzt werden. Bevor Johnny Depp die Piraten der Karibik zum Leben erweckte, konnten die Parkbesucher hier in die farbenfrohe Welt der wilden Piraten und Korsaren eintauchen und sich verzaubern lassen.

Zum Saisonbeginn dieses Jahres kommen im Englischen Themenbereich mit dem London Bus und dem Crazy Taxi noch zwei weitere Familienattraktionen hinzu. In luftiger Höhe geht es rasant durch das England des 20. Jahrhunderts. Familienspa? wird hier gro?geschrieben, wenn sich auch die kleinen Gäste gemeinsam mit dem Rest der Familie auf eine unterhaltsame Reise begeben.

Neben den verschiedenen Fahrgeschäften bietet der Europa-Park noch rund ein Dutzend Shows für alle Besuchergruppen. Für Kinder ein Marionetten- oder Kindertheater und eine Puppenshow. Für die Eltern Varieté- oder Flamenco-Show der Sonderklasse. Die Auswahl fällt schwer. Au?erdem findet jeden Tag eine Parade mit bunten Wagen und kostümierten Darstellern statt.

In der Tat, es gibt viel zu sehen und zu erleben im Europa-Park. Insgesamt mehr als 100 Attraktionen und internationale Shows warten auf die Besucher ? viel zu viel für einen Tag. Das erkannten auch die Macher des Parks und eröffneten daher bereits 1995 mit dem ?El Andaluz? das erste Hotel in einem deutschen Freizeitpark, das bereits im ersten Jahr eine Auslastung von 87 Prozent erreichte. Diesem ersten Haus folgten in schneller Reihenfolge das ?Castillo Alcazar?, das ?Colosseo? (mit 1450 Betten das grö?te Hotel Baden-Württembergs) und im vergangenen Jahr das ?Santa Isabel?.

Abenteuerlich eingestellte Besucher können in einem der 26 Zelte im Tipidorf, einem echten Planwagen oder ganz stilecht in einem der urigen Blockhäuser übernachten und sich am Lagerfeuer wie im Wilden Westen fühlen. Für Camping-Liebhaber gibt es einen eigenen Caravanstellplatz.