Traber-Comeback in 30 Metern Höhe

"Zurück im Leben": Johann Traber Junior hat sich wieder aufs Seil gewagt - auf den Tag genau zwei Jahre nach seinem Absturz von einem 30 Meter hohen Seil in Hamburg ist der 24-Jährige erstmals wieder als Hochseilartist aufgetreten.

Es sind bewegende Augenblicke für die ganze Traber-Familie: Johann junior ist zurück auf dem Hochseil. Zwei Jahre nach seinem schweren Unfall hat der 24-Jährige am Mittwoch im Europa-Park erstmals wieder ein Motorrad auf 30 Meter Höhe gesteuert. Eltern, Geschwister und Freunde rührte der Drahtseilakt zu Tränen. Auch bei Johann selbst flie?en sie danach in Strömen. Vor Freude, wie er betont. "Denn ich jetzt bin wieder da, wo ich hingehöre. Und ich bin zurück im Leben".

Dass er je wieder auf dem Seil stehen würde, schien vielen unmöglich. Mit fünf war er erstmals hinauf gestiegen. Danach sagte er: "Ich will das nie wieder." Auf der Expo 2000 in Hannover hielt es der damals 16-jährige dann 17 Tage auf dem Hochseil aus. Später überquerte er mit seinem Vater in 170 Meter Höhe den Rhein und machte dabei 14 Salti.

Dann, am 21. Mai 2006, der Absturz vom 52 Meter hohen Peitschenmast in Hamburg. Er war dort oben vielleicht fünf Mal hin und her geschwungen, als die Metallstange unter ihm brach. Johann junior sauste 20 Meter in die Tiefe, bis er vom Sicherheitsgurt aufgefangen wurde.

Normalerweise hätte er sich nur ein paar Brüche zugezogen. Doch er knallte mit dem Kopf gegen den Mast. In einer Notoperation wurden ihm Teile der zerbrochenen Schädeldecke abgenommen, damit sich das angeschwollene Gehirn ausdehnen konnte. Erst Wochen später fixierten die ?rzte sein zerschmettertes Becken, den linken Oberschenkel sowie die gebrochenen Rippen mit Schrauben. Bis heute muss er drei Mal die Woche zur Reha.

Ganz erholt hat er sich trotzdem nicht. Er geht noch etwas steif. Seine Augen stehen weit offen. Die Sprache ist verwaschen. "Der Unfall hat mein Leben komplett verändert", erklärt Johann junior, der alles neu lernen musste: aufstehen, gehen, sprechen. Doch er hat auch eine erfrischend sarkastische Art, damit umzugehen. "Ich bin der, der auf den Kopf gefallen ist", sagt er schon mal. Oder: "Unkraut vergeht nicht".

Auch seinen Willen hat der Absturz nicht gebrochen: "Ich will wieder hinaus in luftige Höhen. Ich will da weitermachen, wo ich aufgehört habe."

Am Mittwoch vertraut er sich zunächst der Fahrkunst von Schwester Anna an. Während sie das Motorrad übers Seil steuert, sitzt er entspannt unten im Trapez und winkt dem Publikum zu, das ihm begeistert Beifall spendet. Später wird er von dem unbeschreiblichen Gefühl schwärmen, das sich einstellt, wenn die Menschen unten applaudieren. Doch es kommt noch ein viel grö?erer Moment. Die Leiter zur Startplattform hinauf zu klettern, erfordert höchste Konzentration. Er darf keine Stufe zu verfehlen, obwohl die Fersen schmerzen und sein Gleichgewichtssinn noch nicht wiederhergestellt ist. Aber den braucht er für die Motorradnummer auch gar nicht. Wichtiger sei es, das Fahrzeug ruhig zu halten, nur langsam Gas zu geben und früh genug abzubremsen. Unten im Trapez sitzt nun seine Schwester Katharina. Mit ihr war er früher regelmä?ig auf dem Seil. Was sie heute zeigen, ist ihre Nummer.

Als er den Motor anwirft, wird es ruhig im Publikum. Wäre das Knattern nicht, würde man wohl nur den WM-Song hören, der jetzt aus den Lautsprecherboxen quillt: "Dieser Weg wird kein leichter sein...." Doch da klopft ihm auch schon Vater Johann senior auf die Schulter: "Junge, Du kannst es". Der Junior nickt: "Na klar". Zwei Mal hupt er noch, dann braust er davon -- lächelnd.

"Wieso macht der das nur?", fragt ein Mädchen im Publikum seine Mutter. Die schüttelt ratlos den Kopf. Auch anderen liegt die Frage auf der Zunge, seit Johann vor einem Jahr in die Show der Familie zurückkehrte.

Der junge Artist hat darauf eine klare Antwort: "Dass ich wieder auftrete, ist wichtiger als alles andere." Selbst seine ?rzte unterstützen es. Sie sagen, dass ihm das Training gut tue, weil er ein ein Ziel habe und sich nicht hängen lasse. Zwei Mal braust er das Schrägseil hoch bis an den Mast, hält unterwegs mehrfach inne, hupt, winkt. Schlie?lich lässt er das Fahrzeug langsam zurück rollen. Angst?

Nein, Angst sei nicht im Spiel gewesen, wird er später sagen. Die übliche Anspannung, sonst nichts. Schlie?lich mache er hier nur seine Arbeit.

Dies fällt Katharina unten im Trapez am Mittwoch schwer. Sie ist damit beschäftigt, gegen die Tränen anzukämpfen. Auch Mutter Mitzi lässt am Start dem Augenwasser freien Lauf. "Es sind die Bilder, die jetzt hochkommen", sagt sie. "Von ganz früher und von der schweren Zeit nach dem Absturz." Den Sohn abhalten - das wäre ihr dennoch nie in den Sinn gekommen: "Er wollte immer da hoch. Das ist sein Leben."

"Ja, es war seine Idee. Nicht unsere", betont auch Johann senior. Während der Filius auf dem Seil ist, lässt er ihn nicht aus den Augen. "Ein furchtbar schönes Gefühl" sei es, den Johann so zu sehen, sagt er. Er sei stolz auf dessen Stärke und Mut. "Ich wei? nicht, ob ich die hätte."

Und wie geht`s nun weiter? "Trainieren, trainieren, trainieren," erklärt Johann junior, von dem sein Vater fürchtet, dass er jetzt gierig werden könnte. Seine Nummer auf dem Peitschenmast hat inzwischen Cousin Falko junior einstudiert und Johann sieht kaum hin, während jener sie vorführt. "Vielleicht, weil ich nicht sehen will, dass er es besser macht als ich", witzelt er. Oder will er irgendwann selbst wieder oben stehen? Johann junior überlegt. Dann sagt er: "Wenn man etwas plant, klappt`s am Ende eh` nicht. Aber ich wünsche mir natürlich, das alles wieder so sein wird wie früher." Selbst wenn es dazu nicht ganz reichen sollte, dann ist das, was er jetzt geschafft hat, schon ein sagenhafter Erfolg. Vielleicht der grö?te, den die Trabers je feiern konnten.

Von BZ-Redakteurin Maikka Kost