Der Europa-Park Rust trotzt der Krise

Krise? Welche Krise? Deutschlands grö?tem Freizeitpark, dem Europa-Park in Rust, geht es anscheinend bestens. Die Hotels sind voll, die Gastronomie floriert. Im Gespräch mit WELT ONLINE redet Roland Mack, Chef des Europa-Parks, über Achterbahnen, Geld und die Familie.

WELT ONLINE: Herr Mack, im Europa-Park gibt es elf Länder, welches ist am beliebtesten?
Roland Mack: Das eigene. Die Gäste aus Frankreich gehen zuerst in den Frankreich-Teil, die Schweizer in den Schweizer Themenbereich.

WELT ONLINE: Und welches Essen kommt am besten an?
Roland Mack: Schnitzel mit Pommes ist die Nummer eins. Pizza und Döner sind ebenfalls populär. Wir bieten auch Spezialitäten einzelner Länder an. Aber die meisten Gäste wollen essen, was sie gewohnt sind.

WELT ONLINE: Diese Scheu steht in einem erstaunlichen Gegensatz zu der Bereitschaft, in die wildesten Achterbahnen zu steigen.
Roland Mack: Unsere Fahrgeschäfte vermitteln das Gefühl eines Risikos, ohne eines zu sein. Die Aufregung ist gro?, doch man wei?, es kommt zu einem sicheren Ende. Die Menschen in Deutschland sind es gewohnt, in technische Standards zu vertrauen. Sie steigen ja auch jeden Tag in ihre Autos und gehen damit ein wesentlich höheres Risiko ein. Ein Restrisiko gibt es im ?brigen immer und überall. Am gefährlichsten ist es, auf die Welt zu kommen, das endet sicher mit dem Tod.

WELT ONLINE: Unterscheiden sich Frauen und Männer bei der Benutzung von Achterbahnen?
Roland Mack: Nicht sehr. Auf die ganz schnellen Bahnen gehen etwas mehr Männer.

WELT ONLINE: Gibt es nationale Unterschiede in der ?ngstlichkeit?
Roland Mack: Italiener und Spanier sind zögerlicher, schauen lange zu und entscheiden sich dann häufiger, doch nicht einzusteigen. Amerikaner und Engländer sind am mutigsten.

WELT ONLINE: Und was würden Sie sich nicht trauen?
Roland Mack (lacht): Disneyland in Paris zu übernehmen. Obwohl der Abstand zwischen beiden Unternehmen weitaus kleiner ist als zwischen Porsche und Volkswagen.

WELT ONLINE: Was wäre für Sie ein Abenteuer?
Roland Mack: Mein letztes gro?es Abenteuer war, die Super-Achterbahn ?Blue Fire? zu bauen und dabei zu wissen, dass man gegen niemanden prozessieren kann, wenn sie am Ende nicht funktioniert. Wir haben 20 Millionen Euro in ?Blue Fire? investiert. Das ist schon ein gewisser Nervenkitzel.

WELT ONLINE: Spüren Sie im Europa-Park die Wirtschaftskrise?
Roland Mack: Nein, überhaupt nicht. Unsere Besucherzahlen sehen bestens aus, und ich glaube nicht, dass sie im zweiten Halbjahr nach unten gehen. Wenn die Menschen weniger Geld haben, dann verbringen sie lieber ein oder zwei Urlaubstage bei uns, statt weit weg zu reisen. Das gilt für die allermeisten Freizeitparks überall auf der Welt.

WELT ONLINE: Und wo laufen die Geschäfte derzeit am besten?
Roland Mack: In China, Korea, Vietnam und anderen asiatischen Ländern werden etliche neue Parks gebaut. Die Projekte umfassen teilweise bis zu tausend Hektar. Nicht alle sind erfolgreich. Doch allein in China besuchen zehn oder 20 Millionen Menschen im Jahr die bereits bestehenden Parks.

WELT ONLINE: Sind die Eintrittspreise dort so billig?
Roland Mack: Nein, sie liegen bei circa 20 Dollar. Das ist etwa ein Siebtel des durchschnittlichen Monatseinkommens. Der neue Mittelstand will sich etwas gönnen.

WELT ONLINE: Wie ging es 1975 los mit dem Europa-Park?
Roland Mack: Wir haben viel bescheidener angefangen als die Chinesen. Die Behörden und die Banken misstrauten der Idee und haben uns das Leben schwer gemacht. Es hie?, die sind sowieso bald pleite. Doch wir blieben hartnäckig.

WELT ONLINE: Könnte ein junger Unternehmer heute ?hnliches wagen?
Roland Mack: Man kann nicht mehr klein anfangen. Die besten Plätze sind belegt, die Freizeitindustrie steckt nicht mehr in der Gründerphase. Wir hatten auch den Startvorteil, dass unser Familienunternehmen selbst Fahrgeschäfte herstellt.

WELT ONLINE: Ist es in Deutschland schwer?
Roland Mack: Es ist sehr schwer, an Geld zu kommen. Aus eigener Kraft fast unmöglich, wenn man nicht ? wie ich ? in eine Unternehmerfamilie geboren wird. Ich freue mich über jeden, der es schafft. Aber es gibt auch viele Tragödien bei dem Versuch. Was mich ärgert, ist, dass Unternehmer in Deutschland so einen schlechten Ruf haben. Sie stehen im Ansehen ganz weit unten. Man hört ganz selten mal ein Lob aus der ?ffentlichkeit. Ich habe kürzlich 1000 Bäume pflanzen lassen. Da sagt niemand vom Rathaus, dass das etwas Schönes ist.

WELT ONLINE: Was bedeutet Geld für Sie?
Roland Mack: In den ersten Jahren sehr viel. Wir bekamen keine Kredite und konnten die Rechnungen nicht immer pünktlich bezahlen. Heute kann ich mir sehr viel leisten, aber ich orientiere mich an der Haltung meines Vaters, der kein neues Auto will, solange das alte noch fährt.

WELT ONLINE: Ist die Freizeitindustrie ein Billiglohnsektor?
Roland Mack: Im Europa-Park arbeiten rund 3300 Menschen in über 100 Berufen: Techniker, Handwerker, Bauingenieure, Architekten, Hotelkaufleute. Wir bieten derzeit 60 Ausbildungsplätze. Es gibt natürlich auch angelernte Kräfte.

WELT ONLINE: Wer verdient am wenigsten?
Roland Mack: Schüler, die in den Ferien bei uns arbeiten. Die bekommen acht Euro die Stunde.

WELT ONLINE: Ingenieur, Visionär, Schausteller, Unternehmer, Geschäftsmann ? für welchen seiner vielen Berufe schlägt Roland Macks Herz?
Roland Mack: Ich bin immer noch begeisterter Ingenieur. Technik fasziniert mich. Ich kann etwas entwickeln, es anwenden und dann selbst sehen, wie sich Menschen darüber freuen. Was gibt es Schöneres?

WELT ONLINE: Nicht alle Freizeitparks sind gleich erfolgreich. Disneyland Paris hatte Probleme und ist immer noch nicht in die schwarzen Zahlen gekommen. Warum?
Roland Mack: Im ersten Jahr gingen 1,8 Millionen Deutsche dorthin, jetzt noch 400.000. Das ist deutlich weniger, als Franzosen zu uns kommen. Disney kam in Europa zu spät auf den Markt, also konnte der Park nicht langsam wachsen. Sie mussten ma?los klotzen. Doch die Mitbewerber waren auch nicht faul. Disney hat sich durch etwas gro?spuriges Auftreten anfangs auch keine Freunde gemacht. Disney-Chef Michael Eisner trat bei der Eröffnung in Paris auf wie der Messias. Er verga? aber zu erwähnen, dass er Milliardensubventionen vom französischen Staat erhalten hatte. Da sagt man schon mal danke.

WELT ONLINE: Gibt es für den Europa-Park in Deutschland Konkurrenz?
Roland Mack: Unsere Konkurrenz ist der Mallorca-Urlaub. Die meisten anderen deutschen Freizeitparks haben keine eigenen Hotels.

WELT ONLINE: Auch der Unterhaltungsbereich unterliegt Moden und Trends. Was ist, wenn Achterbahnen plötzlich altmodisch wirken? Haben Sie manchmal Angst davor, dass Freizeitparks wie die Zirkusse aussterben könnten?
Roland Mack: Es gibt doch nach wie vor sehr erfolgreiche Zirkusse: Krone, Knie, Roncalli, Cirque du Soleil. Man darf nie stehen bleiben, muss immer was Neues bieten. Wer ängstlich in die Zukunft sieht, reagiert nur noch, statt zu agieren. Im ?brigen habe ich tiefes Vertrauen in die Attraktion Achterbahn. 1921 hat mein Gro?vater die erste aus Holz gebaut. Dieses Volksvergnügen überdauerte zwei Kriege und mehrere Wirtschaftskrisen und ist so frisch wie eh und je. Das Tivoli in Kopenhagen ist 150 Jahre alt und immer noch beliebt.

WELT ONLINE: Wie wichtig ist die ?sthetik eines Parks?
Roland Mack: Wenn die Umgebung hässlich ist, nützt die tollste Achterbahn nichts. Das haben auch die Chinesen verstanden. Schönheit ist unsere gro?e Stärke in Rust. Die Grünanlagen, die alten Bäume, die Blumen. Der Park ist im guten Sinne europäisch. Nichts ist zu knallig oder zu aufdringlich. Viele Leute klopfen auf die Wände und merken, alles ist massiv gebaut, keine billigen Kulissen.

WELT ONLINE: Sie werden demnächst Präsident des internationalen Verbandes der Freizeitindustrie. Was werden Sie dort auf die Agenda setzen?
Roland Mack: Das Thema Sicherheit. Der Wunsch nach Sicherheit ist ein globaler Megatrend. Deutschland ist das Land des T?V, wir können viel dazu beitragen. Schon heute sind unsere Fahrgeschäfte die sichersten Transportmittel überhaupt, weit vor Auto, Flugzeug und Bahn. Wir sollten aber weltweit noch mehr in Kontrollen und Sicherheitsingenieure investieren. Auch ein Unfall in Südamerika schadet unserem Ansehen in Europa.

WELT ONLINE: Warum haben Sie bei der Gründung beschlossen, das Europa-Motiv in den Mittelpunkt zu stellen?
Roland Mack: Das liegt nahe, hier im Dreiländereck. Der Park war zunächst in Breisach geplant, damals Europastadt. Als der Europa-Park entstand, war noch nicht klar, was aus der damaligen EWG mit ihren sieben Mitgliedsstaaten einmal wird. Heute gibt es zwischen Frankreich und Deutschland keine Grenzkontrollen mehr, ganz wie im Europa-Park. Bei uns gab es schon vor dem Euro den Europa-Park-Euro.

WELT ONLINE: Klingt nach einem begeisterten Europäer.
Roland Mack: Ja, das bin ich. Mein Vater war in französischer Gefangenschaft, hat aber nie schlecht über Frankreich geredet. Als ich jugendlich war, haben die anderen Jungs manchmal antifranzösische Spottlieder gesungen. Das war mir schon damals zuwider. Wir mussten uns hier auch einiges anhören, als wir französische Mitarbeiter einstellten. Heute kommt die Hälfte der Mitarbeiter aus Frankreich.

WELT ONLINE: Sie haben immer wieder Walt Disney erwähnt. Ist er Ihr Vorbild?
Roland Mack: Er hat die Freizeitparks revolutioniert, das kann man nur bewundern. 20 Jahre vor uns setzte er alles auf eine Karte und steckte sein privates Geld in das Projekt ? wie wir es später auch taten. Disneyland war damals kein anonymes Unternehmen, sondern eine sehr persönliche Sache. Er wohnte im Park und kümmerte sich um alles. Auch mein Bruder wohnt mittendrin und ich direkt daneben.

WELT ONLINE: Im Kulturbetrieb ist die Verachtung der Freizeitparks weit verbreitet. Verletzt Sie das?
Roland Mack: Nicht wirklich. Ich wundere mich nur über das Demokratieverständnis dieser selbst ernannten Eliten. Lassen wir doch die Menschen selbst entscheiden, was ihnen Spa? und Freude macht.

WELT ONLINE: ?rgert es Sie, dass die sogenannte Hochkultur subventioniert wird?
Roland Mack: Teilweise muss das wohl sein, um bestimmte kulturelle Formen, die ja für unsere Gesellschaft auch sehr wichtig sind, am Leben zu erhalten. Was mich dagegen wirklich ärgert, ist, dass in einigen Bundesländern Freizeiteinrichtungen mit vielen Millionen subventioniert werden, die nichts mehr mit Kultur zu tun haben. Zum Beispiel der Nürburgring oder der gescheiterte Space Park in Bremen.

WELT ONLINE: Der Park ist ein Familienunternehmen, die Geschichte der Herstellerfirma Mack Rides reicht neun Generationen zurück. Könnten Sie den Park Managern überlassen?
Roland Mack: Das würde mir sehr, sehr schwer fallen. Es steckt zu viel Herzblut drin. Ich habe nicht so hart gearbeitet, um das Ganze am Ende zu versilbern.

WELT ONLINE: Familien funktionieren nicht immer nur harmonisch.
Roland Mack: Natürlich gibt es Spannungen. Als mein Vater aus dem Produktionsbetrieb ausgestiegen ist, wollte er plötzlich wieder im Park mitregieren. Da gab es manches Schlichtungsgespräch mit meiner Mutter. Die sagte, der Junge macht das doch nun seit zehn Jahren gut, lass ihn halt. Andererseits ist es für beide Seiten sehr erfüllend.

WELT ONLINE: Gibt es ein Rezept dafür?
Roland Mack: Ein guter Nachfolger braucht eine Ausbildung, er muss sich woanders behauptet haben und deutlich Interesse zeigen. Wenn er oder sie dann einsteigt, beginnt für die ältere Generation ein sehr langer Prozess des Sich-schrittweise-Zurücknehmens. In dem stecke ich jetzt mit meinen eigenen Söhnen.

Interview: Michael Miersch
© WELT ONLINE am 21.06.09