Kurzurlaub statt Einmalspa

27. Juli 2009 Roland Mack gibt Gas. Braun gebrannt und bester Stimmung beschleunigt der 59-jährige Europa-Park-Gründer seinen Golfcaddy. Nahezu geräuschlos flitzt das Gefährt von Island nach Spanien, auf dem Parkgelände in Rust dauert die Reise nur wenige Minuten. Die Sommersonne scheint nach Kräften, der Park ist gut besucht, und Mack ist überhaupt nicht nach Krise zumute. ?Wir spüren noch keinen Abschwung?, sagt er, ?und ich glaube auch nicht, dass wir ihn besonders zu spüren bekommen.?

Mit rund 4 Millionen Besuchern jährlich ist der Europa-Park unbestrittener Marktführer in Deutschland. Bis zu 270 Millionen Euro Umsatz in der Gruppe erwartet der Chef in dieser Saison. Das wären noch mal gut 20 Millionen Euro mehr als im Vorjahr und abermals Rekord in der 34-jährigen Unternehmensgeschichte. Die provinzielle Lage zwischen Schwarzwald und französischer Grenze, abseits von gro?en Ballungszentren, hat den Erfolg nicht verhindert. Im Gegenteil, der Park profitiert von der Randlage, je ein Fünftel der Besucher kommen aus Frankreich und der Schweiz. Und von den 3000 Beschäftigten des Parks stammt sogar rund die Hälfte aus dem angrenzenden strukturschwachen Elsass. Weitere indirekte 8000 Arbeitsplätze in der Region sollen von dem Park abhängen.

Für die Parks sind alle Zielgruppen wichtig

?Die Saison ist recht gut angelaufen?, sagt auch Ulrich Müller-Oltay. Er repräsentiert als Geschäftsführer den Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen (VDFU) und ist so etwas wie das Sprachrohr der Branche in Deutschland. 72 Freizeitparks und sogenannte Indoorattraktionen sowie 72 Zuliefer- und Beratungsunternehmen zählt der Verband zu seinen Mitgliedern. Nach dem strengen Winter habe die Ostersonne das Geschäft begünstigt, sagt Müller-Oltay. Es bleibe zwar abzuwarten, wie sich die Saison entwickle, von Schwarzmalerei in der Krise ist aber auch beim Verband nichts zu spüren. Die Parks hätten über die Jahre kontinuierlich investiert, fast alle seien organisch gewachsen, Neugründungen auf der grünen Wiese gebe es fast nicht.

?Unsere Unternehmen werden nicht subventioniert, und sie verdienen Geld?, betont er. Die Macks haben für die neue Saison satte 50 Millionen Euro in den Park gesteckt, unter anderem in den neuen Themenbereich Island und die von der familieneigenen Mack Rides produzierte ?Blue Fire?-Achterbahn, die Mutige in 2,5 Sekunden von null auf hundert Stundenkilometer katapultiert. Regelmä?ige Investitionen in neue Attraktionen sind für die Betreiber schon deshalb wichtig, weil die Parks auf Wiederholungsbesucher angewiesen sind. Dabei sind die Adrenalinsuchenden nur eine Zielgruppe unter vielen. Die Kasse brummt nur, wenn alle zufrieden sind: Familien mit Kleinkindern, erholungsuchende Rentner und Jugendliche gleicherma?en. ?Es ist wichtig, dass wir uns in jeder Zielgruppe positionieren?, sagt Mack.

Hindernisse im internationalen Vergleich

Immerhin 34 Euro zahlen Erwachsene, Kinder ab vier Jahren sind mit 30 Euro dabei - auch das ist spitze in Deutschland. Dafür sind alle Fahrgeschäfte in dem 65 Hektar gro?en Park mit drin. Gemessen daran, was der Spa? in anderen Ländern koste, sei das ein angemessener Preis, findet Mack. Der Verband hadert schon seit Jahren damit, dass Parks in Holland, Belgien und Frankreich ebenso wie das heimische Kino und Theater nur einen ermä?igten Mehrwertsteuersatz bezahlen müssen.

Der neu geschaffene Freizeitpark am Nürburgring, wo das Land Rheinland-Pfalz für mehr als 250 Millionen Euro ein Amüsierzentrum aus dem Boden gestampft hat, entlockt Mack nur ein Kopfschütteln. Dass den Familienunternehmen, die ihre Investitionen immer aus dem laufenden Betrieb finanziert haben, jetzt eine mit Steuermitteln subventionierte Achterbahn aus Amerika ins Gehege gesetzt wird - Mack fehlen die Worte.

Konzerte, Konferenzen und Dinnershows

Einen einheitlichen Trend in den Parks gibt es nicht. Die Unternehmen eint das Bestreben, ihre Besucher länger zu halten. Kurzurlaub statt Einmalspa? ist das Ziel. Mack hat als Marktführer schon Mitte der neunziger Jahre in Hotels investiert, um auch Besucher von fernab nach Rust zu locken. ?Damals haben alle gesagt, wir sind verrückt.? Heute bietet der Park einschlie?lich Tipi-Dorf und Wohnwagenstellplätzen 5000 Betten, davon 3600 in den mittlerweile vier Hotels. Ein weiterer Trend: Um das wetterabhängige Saisongeschäft auszuweiten, verstärken viele Betreiber das Veranstaltungsgeschäft und die Erlebnisgastronomie in ihren Parks. Konferenzen, Konzerte und Dinnershows bringen zusätzliches Geld. 150 Köche beschäftigt alleine der Europa-Park.

Das Gros der Unternehmen ist traditionell familiengeführt. Dazu gehören etwa der Hansa-Park an der Ostsee, das Phantasia-Land in Brühl und der Holiday Park in der Pfalz. In Europa sorgt seit 2005 der Finanzinvestor Blackstone für Unruhe, der sich über seine britische Tochtergesellschaft Merlin Entertainments zwischenzeitlich zum zweitgrö?ten Vergnügungspark-Anbieter hinter Disney gemausert hat. Zu Merlin gehören unter anderem 26 Sealife-Aquarien, die 2005 zugekauften Legoland-Parks und die 2007 übernommene Tussauds Group. In Deutschland ist der Heide-Park Teil der Gruppe, den die ehemaligen Familieneigentümer schon 2001 an Tussauds verkauft hatten.

Das Engagement zeigt deutlich, dass das Geschäftsmodell des Freizeitparks zumindest in der Vergangenheit stabil genug war, um selbst Finanzinvestoren die dringend benötigten stabilen Mittelzuflüsse zu garantierten. Roland Mack jedenfalls lässt sich den Spa? auch in der Rezession nicht verderben. Er denkt bereits daran, so etwas wie einen Wasser-Park zu eröffnen, direkt neben dem Gelände des Europa-Parks. Noch sind die ?berlegungen nicht abgeschlossen, schlie?lich sollen sich beide Attraktionen nicht gegenseitig die Kundschaft wegnehmen. Aber vorstellen kann er es sich. Es wäre nicht das erste Mal, dass Roland Mack in Krisenzeiten Tempo macht.

(c) Bernd Freytag - Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.07.2009