Freizeitparks - ?berraschungsgewinner der Krise

Freizeit- und Erlebnisparks quer durch die Republik erwarten in diesem Jahr neue Spitzenwerte. Der Heidepark in Soltau, das Spieleland in Ravensburg oder der kleine Panorama-Park im Sauerland können sich vor Besuchern kaum retten. Sie profitieren vom Trend zum Urlaub in der Heimat.


Die Achterbahn "Blue Fire" ist die neueste Errungenschaft in Deutschlands erfolgreichstem Freizeitpark, dem Europa-Park

Ferien auf der Achterbahn


"Blue Fire? ist derzeit der ganze Stolz von Roland Mack. Die neue Super-Achterbahn schafft es von Null auf 100 Stundenkilometer in gerade mal 2,5 Sekunden, erzählt der Chef vom Europa-Park in Rust. Für das gewollt flaue Gefühl im Magen sorgen auf der gut einen Kilometer langen Strecke Europas höchster Looping, drei 360 Grad-Schrauben sowie ein so genannter Darkride, also eine Tunnelfahrt.

20 Millionen Euro hat Mack in die neue Attraktion investiert ? für den Familienunternehmer mehr Nervenkitzel als die erste Fahrt mit dem neuen Gefährt. Trotzdem ist er froh, diesen Schritt gewagt zu haben. Denn derzeit fahren die Deutschen auf Achterbahnen ab wie selten zuvor. ?Wir spüren keine Krise?, sagt Mack. Der 59-Jährige rechnet sogar mit einem neuen Besucherrekord.

Damit ist er nicht allein. Gleich Dutzende von Freizeit- und Erlebnisparks quer durch die Republik erwarten in diesem Jahr neue Spitzenwerte. Der Heidepark in Soltau zum Beispiel, das Spieleland in Ravensburg oder auch der kleine Panorama-Park im Sauerland. Dessen Geschäftsführer Sven Trommershausen berichtet von bislang 70.000 Besuchern. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es bis Anfang August gerade 55.000. ?Die Deutschen machen vermehrt Urlaub im eigenen Land. Das merken wir sofort?, sagt Trommershausen. Hinzu kommt noch Glück mit dem Wetter. ?Das Wetter ist in diesem Jahr für Freizeitparks ideal: Es ist nicht zu hei? und nicht zu kalt. Das macht viel aus?, sagt der Sprecher vom Ravensburger Spieleland.

Den Eindruck der Parks bestätigt Ulrich Müller-Oltay für die gesamte Branche. ?Das Jahr läuft ausgesprochen gut. Die Freizeitparks erleben eine Sonderkonjunktur und gehören zu den Gewinnern in der Krise?, sagt der Geschäftsführer vom Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen (VDFU). 66 Parks- und Indoorattraktionen vertritt der VDFU, darunter mit Tripsdrill auch den mit 80 Jahren ältesten in Deutschland. Insgesamt gibt es bundesweit rund 200 solcher Spa?einrichtungen. Spitzenreiter ist der 1975 gegründete Europa-Park mit zuletzt rund vier Millionen Gästen. Insgesamt gingen 2008 nach Angaben des VDFU fast 24 Millionen Menschen in die deutschen Freizeitparks. ?In der Krise sind Freizeitparks sind für viele das kleine Stück vom Glück?, sagt Ulrich Reinhardt. Der Geschäftsführer der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. ?2009 wird für die Branche ein richtig gutes Jahr?, meint Reinhardt. Dabei waren die Erwartungen zu Jahresbeginn bei vielen Parks noch anders, sagt Carolin Ruth, die Geschäftsführerin von TourismusMarketing Niedersachsen. Denn angesichts der Eintrittpreise von bis zu 34 Euro sind Freizeitparks in den Augen der Deutschen vergleichsweise teuer.

Allerdings sind die heimischen Verbraucher auch mit der Gegenleistung zufrieden. ?84 Prozent sagen, dass der Eintritt sein Geld wert ist?, zitiert Ulrich Reinhardt eine aktuelle Studie seiner Stiftung. Besser schneiden nur Zoos und Musicals ab.

Viele nutzen mittlerweile auch gerne Kombinationsangebote, verbinden also den Aufenthalt im Freizeitpark mit Hotelübernachtungen. Die Herbergen im Serengeti-Park im niedersächsischen Hodenhagen zum Beispiel sind bislang um zehn Prozent besser ausgelastet als noch im Vorjahr, berichtet Geschäftsführer Fabrizio Sepe.

Um sich für längere Aufenthalte zusätzlich interessant zu machen, haben etliche Parks ihre Angebote erweitert, etwa um Erlebnisgastronomie und Dinnershows oder Konzerte und Musicalvorführungen. Spitzenreiter ist auch in dieser Kategorie der Europa-Park in Rust. In vier Hotels bietet Deutschlands grö?ter Vergnügungspark ein breites Entertainment-Angebot und insgesamt 3600 Betten. Hinzu kommen weitere 1400 ?bernachtungsmöglichkeiten im Tipi-Dorf sowie auf dem eigenen Wohnwagenstellplatz. ?Wenn die Menschen weniger Geld haben, verbringen sie lieber ein, zwei Urlaubstage bei uns, als in die Ferne zu reisen?, sagt Unternehmer Mack, der bereits über Zusatzangebote wie etwa einen Wasser-Park nachdenkt.

Durch die unerwartet hohen Besuchermassen steigt nun der Investitionsdruck auf die Parkbetreiber, damit die Leute auch 2010 wiederkommen. ?Freizeitparks müssen sich regelmä?ig neu erfinden, um attraktiv zu bleiben. Denn die Parks sind auf Wiederholungsbesucher angewiesen. Und die wollen immer etwas neues erleben?, sagt Verbandsvertreter Müller-Oltay. Zustimmung kommt von Branchenkenner Reinhardt. Er rät zum Erfolgsrezept ?höher, schneller, weiter?. Parks sollten am besten mit Superlativen wuchern, um sich von der massig vorhandenen Konkurrenz abheben zu können, sagt Reinhardt. So wie zuletzt das Phantasialand in Brühl bei Köln mit der interaktiven Wasserlandschaft Wakobato. Für den Marktführer Europa-Park ist dabei von Vorteil, dass zum Familienunternehmen ein eigener Herstellerbetrieb für Fahrgeschäfte gehört: die Firma Mack Rides. Schon 1921 hatte sie die erste Achterbahn aus Holz gebaut.

Die deutschen Parks, die üblicherweise von Ostern bis zum Ende der Herbstferien Saison haben, befolgen den Rat zu ständig neuen Investitionen. Allein die VDFU-Mitglieder zum Beispiel haben 2008 einen dreistelligen Millionenbetrag ausgegeben, um sich attraktiver zu machen. Allerdings nicht nur mit Fahrgeschäften. Ebenso wichtig sind Shows, Tiergehege, Kulissen und die Gastronomie. Denn Zielgruppe sind praktisch alle: Familien mit Kindern ebenso wie Rentner und Jugendliche. Nur dann klingelt die Kasse.

Sein Europa-Park ist wie die Mehrzahl der Anbieter ein Familienunternehmen. Seit einigen Jahren allerdings mischt auch die vom Finanzinvestor Blackstone dominierte britische Gruppe Merlin Entertainment auf dem Markt mit. Zu den nach Disney mittlerweile zweitgrö?ten Vergnügungsparkanbieter gehören unter anderem 26 Sealife-Aquarien, die Legoland-Parks und die Tussauds-Group, zu der auch der Heide-Park gehört.

Gro?e neue Parks dürften in den kommenden Jahren nicht mehr entstehen, meinen Branchenexperten. ?Man kann nicht mehr klein anfangen. Die besten Plätze sind belegt, die Freizeitindustrie steckt nicht mehr in der Gründungsphase?, sagt Roland Mack, dessen Europa-Park verkehrsgünstig im Dreiländereck liegt und damit auch auf Besucher aus Frankreich und der Schweiz abzielt. Im laufenden Geschäftsjahr hofft er auf einen Umsatz von rund 270 Millionen Euro. Das wären 20 Millionen mehr als 2008.

Die jüngst eingeweihte neue Achterbahn am Nürburgring fürchten Mack und die anderen Parkbetreiber nicht. Das Fahrgeschäft soll die Rennstrecke zusammen mit einem Kasino, Hotels und einem Shoppingboulevard unabhängiger vom Motorsport machen. Das Land Rheinland-Pfalz hat rund 250 Millionen Euro investiert, findet aber selbst nach der Fertigstellung keinen Investor, der von dem Projekt überzeugt ist. Damit droht die neue Erlebniswelt zu einem Millionengrab zu werden. Der Rechnungshof von Rheinland-Pfalz ist bereits mit einer Prüfung beauftragt. Das dürfte nun bei manchem Regierungspolitiker in dem kleinen Bundesland für reichlich Nervenkitzel sorgen ? auch ohne Achterbahn zu fahren.



(c) DIE WELT vom 10.08.2009 - Carsten Dierig