Der Spa?macher

Roland Mack: Der Chef des Europa-Parks ist ein Familienunternehmer, wie ihn die Politik gerne hat.

Er gilt als Vorzeigeunternehmer, als einer, der Baden-Württembergs Ruf in aller Welt mehrt: Roland Mack, Chef des Europa-Parks. Nun wird er 60. Das Porträt eines Mannes, dessen Passion es ist, Menschen die Freizeit zu vertreiben.

RUST. Was kann man in diesem Alter tun? Nach über 30 Jahren im Beruf etwas kürzertreten. Morgens länger schlafen. Zusammen mit der Ehefrau die Welt erkunden. ?bers Green spazieren und den Golfschläger schwingen. Auf der Terrasse sitzen und den eisgekühlten Campari schlürfen. Ja, so schön können die Tage sein, wenn man alles erreicht hat, was man erreichen konnte, wenn man eine Firma hat, die gut 3000 Menschen beschäftigt und voll im Saft steht - trotz Wirtschafts- und Finanzkrise. Und was macht Roland Mack? Er kümmert sich um Mülleimer. Nicht dass der Mann auf der Zielgeraden seines Berufslebens die Branche gewechselt hätte. Nein, er will, dass die Mülleimer in den Hotelzimmern des Europa-Parks auch das Logo des Parks tragen. PR-Experten sprechen da gerne vom "Branding", was frei übersetzt so viel hei?t wie: Der Kunde muss überall auf uns sto?en - und sei es bei der Abfallentsorgung.

Es ist ein normaler Freitag im Herbst 2009. Mack hat Termine mit seinen engsten Mitarbeitern. Routinebesprechungen. Es gibt nichts, was er nicht wissen will. Wurde das Problem mit den Ruhebänken in den Hotelsaunen gelöst? Wie steht es um die Besucherzahlen? Welche gro?en Gästegruppen kann er in den nächsten Tagen im Park begrü?en? Was machen die Angebote für die Wintersaison? Während ihm seine Leute die Statistiken vorlegen und berichten, dass diese Sommersaison mit über vier Millionen Gästen trotz weltweiter Krise wohl die beste Saison seit Jahren wird, blättert der Chef in Unterlagen, sichtet die Post. Fast könnte man meinen, er sei mit den Gedanken weit weg, so wie er seine Brille in der Böhme-Talkmaster-Manier schwenkt. Dann aber hakt er plötzlich ein. "Was haben wir für Halloween?", fragt er mit scharfer Stimme. "Alles im Plan", sagt seine Hotelmanagerin. Mack nickt. Hier und da werden Geister spuken, auch auf den Zimmern.

So ist das in Deutschlands grö?tem Freizeitpark: Der Spa? hat durchgehend Saison - auch wenn die Achterbahnen stillstehen. Aber Stillstand, das ist nicht das Ding von Roland Mack. Als kleiner Junge war er der König unter den Klassenkameraden, weil er daheim in Waldkirch, wo das Familienunternehmen mit dem Bau von Fahrattraktionen seine Wurzeln hat, die Neuheiten im Hof ausprobieren durfte. Es müssen jene Momente gewesen sein, die dem Jungspund klargemacht haben: Was der Vater da macht, will ich auch machen. So studiert er Maschinenbau in Karlsruhe, macht eine Zusatzausbildung als Schwei?fachingenieur an der Uni Stuttgart, sammelt Erfahrungen im Ausland - und eröffnet 1975 den Europa-Park.

Es ist ein Wagnis in einer Zeit, da es noch keine Spa?gesellschaft gibt. Aber die Idee entwickelt sich zur Goldgrube. In all den Jahren investiert das Familienunternehmen gut 500 Millionen Euro in neue Attraktionen und den Bau von Hotels. Und selbst jetzt, da andernorts die Geschäfte stocken, setzt Mack auf Expansion. "Wir haben über 80 Prozent Wiederholungsgäste. Dieser Klientel müssen wir zu jeder Saison etwas Neues bieten." Also baut er den Park weiter aus und lässt derzeit das fünfte Hotel im Park planen. Eröffnung des 800-Betten-Tempels der Topkategorie soll 2012 sein.

Da liegt der Verdacht nahe, der Mann leide unter Grö?enwahn, wo die Bespa?ungsoase doch schon 5000 ?bernachtungsmöglichkeiten hat. Aber Mack weist das zurück, nennt sich bodenständig. "Ich bin kein Freund der Theorie, ich bin ein Mann der Praxis. Und man findet immer etwas, das noch zu verbessern ist." Ein Anspruch, den er auch an seine Mitarbeiter hat. An diesem Morgen liegt so ein Vorschlag auf dem Tisch. Ein Angestellter rät, auf den Eintrittskarten nicht nur das Park-Logo, sondern auch aktuelle Angebote drucken zu lassen. "Eine grandiose Idee, dafür kriegt er was", sagt Mack. "Innerbetriebliches Vorschlagswesen" nennt sich das. Man könnte es auch moderne Mitarbeitermotivation nennen.

Roland Mack schaut auf die Uhr. Er muss zum nächsten Termin. Also rein ins Elektroauto, einmal quer durch den Park düsen. Vorbei an der Krankenstation, an den Kantinen, wo täglich Tausende Mitarbeiteressen über die Theke gehen. Die Marketingabteilung wartet auf ihn. Top 1: die neuen Kataloge. Top 2: Wirkung der Werbebanner beim SC Freiburg. Top 3: Bilanz der PR-Aktion mit dem Hersteller von Kinderpizzas. In den vergangenen Monaten gab"s auf der Rückseite jeder Schachtel ein Rätselspiel mit der Europa-Park-Maus. "Wie lief die Aktion?", will Mack wissen. Die Antwort seiner Leute lautet "sensationell". 1,9 Millionen Stück wurden verkauft. Es sind diese Coups, die der PR-Profi liebt und bei denen sich auf seinem Gesicht dieser Seht-ihr-ich-hab"s-wieder-allen-gezeigt-Eindruck breitmacht.

Mack hat Macht. Er führt das Unternehmen freundlich im Ton, aber hart in der Sache. Wo es geht, macht er Tempo. Nur selten lässt er Leute ausreden. Jetzt blättert er in der Rohfassung der neuen Mitarbeiterzeitschrift. Auf einer Seite sind die Geburtstage der Mitarbeiter aufgelistet. Ganz unten steht der Name Roland Mack. "Da steh" ich ja drin", sagt er, "was, ich bin schon so alt?" Es sind diese Momente, in denen der Spa?macher spürt, dass sein Berufsleben allmählich zu Ende geht. "Ich mache die Dinge jetzt zukunftsfähig", sagt er dann. Sein Büro hat er schon an die Söhne Michael und Thomas abgegeben - der eine ist zuständig für die strategische Ausrichtung des Parks, der andere für die Hotels. Dazu gibt"s noch seinen Bruder Jürgen, der zehn Jahre jünger ist und stets im Schatten steht. Roland Mack sagt das so: "Er ist der Innenminister, ich bin eher der Au?enminister, weil ich viel extrovertierter bin." Ein Blick auf die Bilder beweist die Rollenverteilung: Roland Mack mit dem Papst, Roland Mack mit den Kanzlern dieser Republik, Roland Mack mit dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan . . . So einer denkt nicht ans Aufhören, auch wenn er 60 wird. "Solange die zu mir in der Firma nicht sagen, was machst du noch hier, bleibe ich da."

Und gefragt ist der Unternehmer. Sein Handy klingelt und klingelt. 2012 wird er Präsident des Weltverbands der Freizeitindustrie. Dahinter verbergen sich gut 4000 Unternehmen mit einer Million Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz von 24 Milliarden US-Dollar. Er wird noch mehr unterwegs sein als bisher. Eine Ehre, sagt er. Etwas für seine Eitelkeit, sagen andere. In Europa muss er ohnehin keine Konkurrenz fürchten, hier ist man hinter der Disney-Dependance in Paris die Nummer zwei. "Herr Mack, bekomme ich bitte noch schnell zwei Unterschriften?", ruft seine Sekretärin, als er schon wieder weiterwill. Es geht um die Verlängerung seines Visums für China. Das Unternehmen Mack liefert Fahrattraktionen auch in den Fernen Osten. Umfang der Investitionen: rund 50 Millionen Euro.

Mack, der kleine König von Baden, hat"s eilig. Wie immer. Er will zu den Architekten, die an neuen Attraktionen für den Park basteln. Es folgt eine Besprechung in der Personalabteilung. "Der Park ist wie ein Baby, das ist ein Stück meines Lebens", sagt er. Und weil man für Kinder nun mal alles gibt, kämpft der umtriebige Chef an allen Fronten. Auch auf politischer Ebene. Vor einigen Jahren ist er so lange der Politik in Stuttgart und Berlin auf den Fü?en gestanden, bis sie ihm die Autobahnausfahrt zum Park genehmigt und gebaut haben. Im vergangenen Jahr drohte Mack mit dem Verkauf des Familienunternehmens an geldhungrige Investoren, wenn die Bundesregierung nicht endlich die Erbschaftsteuerreform korrigiere. Sein Aufschrei kam bei Kanzlerin Merkel genauso an wie bei Ministerpräsident Oettinger. Beide wissen: Mack sollte man ernst nehmen, das ist kein Schiffschaukelbremser. Und so wird Oettinger bei Macks Party am 12. Oktober die Festrede halten. Ob er das CDU-Parteibuch hat? "Nein", versichert der Boss, "Parteiarbeit war nie die Sache der Familie Mack."

Da fährt er doch lieber in der spärlichen Freizeit auf seinen Bauernhof im Schwarzwald. "Die ersten zehn Stunden geht es mir richtig beschissen." Der Grund: Die plötzliche Einsamkeit ist für einen Menschen, der mit dem täglichen Trubel sein Geld verdient, eine Gewöhnungssache. Erst nach einer Weile kommt er zur Ruhe, liest, denkt nach. Wenn er dann in den Park zurückkehrt, fühlt er sich erst mal wie ein Fremder. "Da brauche ich zwei bis drei Tage, bis ich wieder die Geschwindigkeit draufhabe." Und bis er auf Ideen wie die mit dem Mülleimer kommt.

(c) Stuttgarter Nachrichten
02.10.2009 - Frank Krause