Der Breisgau mausert sich zum Premiumziel

Tourismus Warum Freiburg entgegen dem landesweiten Trend mehr ?bernachtungsgäste anzieht. Von Heinz Siebold

Freiburg bleibt auch in der Krise eine touristische Hochburg: Im vergangenen Jahr sind rund 600 000 Touristen in gewerblichen Unterkünften mit Meldepflicht angekommen, und daraus sind knapp 1,2 Millionen ?bernachtungen geworden. Damit legt die südbadische Metropole gegen den negativen Landestrend um mehr als drei Prozent zu. Traditionelle Ziele für Städtereisen wie Heidelberg, Stuttgart und Baden-Baden mussten Einbu?en bei den ?bernachtungen hinnehmen, die Landeshauptstadt sogar fast neun Prozent. Komplett ist die Statistik für das eben abgelaufene Jahr noch nicht, doch Freiburgs oberster Tourismus- und Wirtschaftsförderer Bernd Dallmann kann sich entspannt zurücklehnen, seitdem ihm die Zahlen des Statistischen Landesamtes für Januar bis November 2009 zugestellt wurden. "Wir können hochzufrieden sein", sagt der Geschäftsführer der stadteigenen Gesellschaft Freiburg Wirtschaft Touristik Messe (FWTM) GmbH.

Das ?bernachtungsplus von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr wurde in allen kommerziellen Herbergen einschlie?lich der Campingplätze erwirtschaftet. Bei den Hotels fiel der Zuwachs mit 1,3 Prozent bescheidener aus, doch absolut sind die 820 000 ?bernachtungen der dickste Brocken. Die Auslastung der insgesamt 4911 Schlafgelegenheiten in 65 Betrieben lag bei 50,5 Prozent. Ein Wermutstropfen ist der mit 4,1 Prozent deutlich spürbare Rückgang von übernachtenden Auslandsgästen. Doch auch in dieser Disziplin haben Stuttgart (-7,9 Prozent) und Heidelberg (-11,2) noch mehr eingebü?t, nur Baden-Baden ist mit einem leichten Plus von einem Prozent stabil. Im ganzen Land haben 5,7 Prozent weniger ausländische Gäste übernachtet.

Aber wie kommt es zu dieser Freiburger Sonderstellung? Für den Tourismusmanager ist das kein Zufall. "Freiburg profitiert nicht nur von seinem Wetterbonus, sondern auch von Ma?nahmen, die vor langer Zeit bereits eingeleitet wurden", sagt Bernd Dallmann. Dazu gehöre vor allem der Bau des Konzerthauses, das zugleich als Kongresszentrum fungiert. Das einst heftig umstrittene Projekt ist zwar immer noch defizitär, hat sich aber als Magnet für den Tagungs- und Konferenztourismus etabliert. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Kongresse von 104 auf 168 hochgeschnellt, die gesellschaftlichen und kulturellen Events sind knapp unter 300 stabil geblieben.

Seit 1996, nachdem das Konzert- und Kongresshaus in der Freiburger Innenstadt eröffnet wurde, ist die ?bernachtungskurve im Hotelgewerbe konstant geklettert, dabei auch der Anteil ausländischer Gäste. Dazu beigetragen hat vermutlich auch die Erweiterung der Messe und die damit verbundenen Gro?konzerte und Aufzeichnung von Fernsehshows.

"Und Freiburg verfügt über eine Hotellerie mit vielen Familienbetrieben oder ungewöhnlich engagierten Geschäftsführern", betont Dallmann. Das erste Hotel am Platz darf sich sogar als eines der führenden der Welt bezeichnen; dem Image der "Green City" Freiburg entsprechend wirbt ein anderes mit der ökologischen Ausrichtung und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden. Erstaunlicherweise behaupten sich die Freiburger Hoteliers sogar gegen eine mächtige Konkurrenz nur wenige Kilometer von den Stadttoren entfernt. Der grö?te Hotelier der Region ist nämlich einer der grö?ten in Europa überhaupt. In Rust, nördlich des Kaiserstuhls, hat Europapark-Chef Roland Mack soeben den Auftrag für den Bau des fünften Hotels am Rande des Freizeitparks erteilt. Der Europa-Park ist der grö?te und beliebteste Freizeitpark des Kontinents, im vorigen Jahr übertraf er seine Rekordserie erneut und meldete deutlich über vier Millionen Besucher. Mit dem fünften Hotel und dann insgesamt 5000 Betten hat der Europa-Park mehr Kapazitäten als alle Hotels in Freiburg zusammen. Und auch ein neues, vom Energiekonzern Gazprom finanziertes Tagungszentrum soll dieses Jahr fertig werden.

Angst müsse man deshalb in Freiburg nicht haben, betont der Chef des ersten Hauses am Platz. "Wir müssen uns eben anstrengen und was Neues einfallen lassen", sagt Roland Burtsche, der Chef des Colombi-Hotels. Langfristig würden sowohl Freiburg als auch der Europa-Park voneinander profitieren. Freiburg müsse sich darauf konzentrieren, Kongresse mit einer überschaubaren Anzahl von Gästen anzulocken und sich nicht auf ein Terrain begeben, wo es nicht gewinnen könne. Burtsche selbst stockt bei seinem zweiten Hotel Stadt Freiburg die Kapazität derzeit von 360 auf 440 Betten auf und hat den Wachstumsmarkt rund um die Uniklinik im Blick. Rund 50 000 ?bernachtungen pro Jahr gehen bereits jetzt auf das Konto von wissenschaftlichen Gästen und Angehörigen von Patienten.

Auch der Tourismusförderer Dallmann sieht Europapark und Freiburg als Verbündete. Es sei genug Kundschaft für alle da: "Park und Stadt ergänzen sich. Wer schon in die Gegend kommt, will beides sehen." Beide Reiseziele profitieren vom guten Image des Landstrichs zwischen Rhein und Schwarzwald. Und der Tourismus in der Region wiederum von der sehenswerten Freiburger Altstadt genauso wie vom Europark, der längst nicht nur ein Rummelplatz für die ganze Familie ist, sondern zunehmend das internationale Ziel für einen Kurzurlaub, Konzerte, Miss-Wahlen oder Modenschauen. Wahrscheinlich haben Europa-Park und Stadt Freiburg als Höhepunkte der Region auch zum vergleichsweise guten Ergebnis des Schwarzwaldtourismus beigetragen: Nur "moderat", um 1,3 Prozent, seien die ?bernachtungen im Jahr 2009 zurückgegangen, meldet der Tourismusverband. Sechseinhalb Millionen Gäste haben 17,8 Millionen ?bernachtungen gebucht. Interessant dabei ist, welche Umschichtungen es bei den internationalen Besuchern gab: Direkte Nachbarn aus der Schweiz (+9,5 Prozent) und Frankreich (+10,6) kamen häufiger, Briten (-17,3), und Amerikaner (-12,5) seltener.

© STUTTGARTER ZEITUNG vom 26.01.2010