Warum haben Freizeitparks in Deutschland so viel Erfolg?

Legoland, Europa-Park, Steinwasenpark: Die Deutschen lieben Freizeitparks. BZ-Redakteurin Petra Kistler fragte bei Hermann-Josef Kiel, der Kultur- und Freizeitmanagement an der Reinhold-Würth-Hochschule in Heilbronn lehrt, nach.

BZ: Herr Kiel, in den deutschen Freizeitparks war im vergangenen Sommer von Krise nichts zu spüren. Die Besucherzahlen wuchsen zweistellig. Wird dies so weitergehen?
Kiel: Das hängt von mehreren Faktoren ab: vom Wetter, von der wirtschaftlichen Lage, vom Reiseverhalten. Die Deutschen sind und bleiben Freizeit- und Reiseweltmeister. Wenn der Auslandstourismus schwächelt, profitiert der Inlandstourismus. Wer sich keine zweiwöchige Sommerreise gönnen kann oder will, leistet sich wenigstens einen Tag im Freizeitpark.

BZ: Wie viel Geld lässt ein Besucher im Schnitt in einem Freizeitpark?
Kiel: Die Betreiber sind mit Zahlen sehr zurückhaltend. Ich gehe davon aus, dass in gro?en Parks für Eintritt, Essen, Trinken und Souvenirs 70 Euro pro Person ausgegeben werden. Wird der Besuch zum Kurzurlaub, kommt eine vierköpfige Familie für drei Tage mit zwei ?bernachtungen schnell auf 700 Euro.

BZ: Für 700 Euro kann ich eine Woche in Mallorca Urlaub machen.
Kiel: Aber im Freizeitpark wissen sie, was sie für ihr Geld bekommen. Am Ende hei?t es: Das war zwar teuer, aber es war super. In zwei Jahren leisten wir uns das wieder. Wenn sie bei einer Billigreise Pech haben, sitzen Sie mit zwei Kindern eine Woche in einem Hotel, das Ihnen nicht gefällt, umgeben von Leuten, die Ihnen nicht behagen.

BZ: Mehr als 60 Freizeitparks gibt es in Deutschland. Ist der Markt gesättigt?
Kiel: Die Besucherzahlen schwanken seit acht, neun Jahren zwischen 20 und 22 Millionen Besuchern im Jahr. Diese Quote wird sich nicht ausbauen lassen. Ein Drittel der Deutschen sind Freizeitparkfans, ein Drittel hasst sie, ein Drittel meint, man könne es ja mal probieren.

BZ: Und um dieses Drittel buhlen alle?
Kiel: Konkurrenz belebt das Geschäft, gute Parks profitieren voneinander. Wer mit kleinen Kindern einen Freizeitpark besucht und dort gute Erfahrungen macht, wird weiter Parks besuchen. War der erste Besuch mies, ist der Besucher verloren.

BZ: Oder die demografische Entwicklung sorgt für einen Knick in der Besucherstatistik. Die Zahl der Kinder nimmt ab.
Kiel: Deshalb wird Generation 50 plus, die mit den Parks gro? geworden ist, stärker umworben werden. Sie brauchen Angebote für mehrere Generationen: Fahrgeschäfte für die Kids, ruhige Zonen oder Shows für Gro?eltern, die vielleicht einfach nur spazieren gehen wollen.

BZ: Der Trend hei?t also nicht: immer höher, immer schneller, immer verrückter?
Kiel: Auf jeden Fall müssen die Zielgruppen räumlich getrennt werden. Wer mit den Enkeln im Kinderwagen spazierenfährt, will nicht unbedingt in eine johlende Gruppe von Teenies geraten. Ein Freizeitpark muss deshalb viel Platz haben. Eine weitere Zielgruppe sind Schulklassen. Klassenausflüge führen heute nach Paris oder Rom. Geld ist offenbar nicht das Problem. Da ist noch viel Luft drin.

BZ: Das Science House in Rust, eine naturwissenschaftlich-technische Dauerausstellung für Kinder und Jugendliche, kämpft gegen den Besucherschwund.
Kiel: Vielleicht war es zu früh? In Frankreich boomen diese Angebote.

BZ: Was muss ein Freizeitpark bieten, um erfolgreich zu sein.
Kiel: Er muss sicher und sauber sein.

BZ: Gibt es Bedarf für Neugründungen?
Kiel: Um von heute auf morgen einen Freizeitpark zu bauen, brauchen sie eine Milliarde Euro. Es gibt keine Bank, die ihnen das finanziert.

BZ: Wagen Sie eine Prognose: Wie sieht ein Freizeitpark in 50 Jahren aus?
Kiel: Er ist grö?er, hat noch mehr Angebote, verfügt über Wasserparks oder Stadien für Sportveranstaltungen und Rockkonzerte. In den USA sind Freizeitparks Urlaubsdestinationen, in denen die Besucher vier bis fünf Tage bleiben. Es klingt verrückt, aber das künstliche Luxor in Las Vegas hat mittlerweile mehr Besucher als der Ort Luxor in ?gypten.

BZ: Lässt sich diese Entwicklung auf Deutschland, auf Europa übertragen?
Kiel: Nein. In Europa haben, das zeigt der Boom der Städtereisen, auch Städte den Charakter von Freizeitparks. Die gro?en Parks werden aber noch grö?er werden. Sie werden der Ausgangspunkt für einen Urlaub werden. Der Gast verbringt die Ferien im Freizeitpark und entdeckt von dort aus die Umgebung.

© BADISCHE ZEITUNG vom 24.03.2010