Europa-Park intern: So arbeitet der Sicherheitsingenieur in Rust

BLICK HINTER DIE KULISSEN DES EUROPA-PARKS: Ingenieur Walter Mitternacht ist ständig in Sachen Sicherheit unterwegs.

Von Klaus Fischer

RUST. "Es ist dein Moment," hei?t es in der Hymne des Europa-Parks an seine Besucher. Menschen, die diesen Moment erst möglich machen oder selbst Teil dieses Momentes sind, wird die Badische Zeitung in einer Reihe von Artikeln über die Sommermonate hinweg vorstellen. Jeder Artikel wird mit einem Gewinnspiel zum jeweiligen Thema verbunden sein, in dem es jeweils dreimal zwei Eintrittskarten in den Europa-Park zu gewinnen gibt. Zum Auftakt der Artikelreihe stellen wir Walter Mitternacht vor. Der 57-jährige Gottenheimer ist der dienstälteste Sicherheitsingenieur in einem deutschen Freizeitpark und arbeitet seit 22 Jahren für die Familie Mack in Rust.

Der Anblick der filigranen, blauen Bögen der Achterbahn im ersten Sonnenlicht des Tages beflügelt die Fantasie. Es ist sieben Uhr in der Frühe und das Treffen mit Walter Mitternacht steht an. Mit dem Sicherheitsingenieur des Europa-Parks werde ich in wenigen Minuten mitten in dieser Stahlkonstruktion des Blue Fire Megacoaster stehen; es wird prüfende Blicke des Sicherheitsingenieurs geben, Schrauben werden kontrolliert, Räder geschmiert, Sitze gewaschen ? und dann der erste Katapultstart aus dem Bahnhof heraus in die frische Morgenluft und gen Himmel. Gänsehaut ? schon bei der Anfahrt.

"Guten Morgen! Mitternacht," begrü?t mich der Leiter der Stabsstelle Sicherheit, so die korrekte Bezeichnung der Funktion des 57-Jährigen. Die freundliche Begrü?ung rei?t mich aus meinem träumerischen Höhenflug und bringt mich zurück auf den Boden. Mitternacht hält eine Fotografie in den Händen und schüttelt mit dem Kopf. Das Foto zeigt einen Jägerzaun auf einem der vielen Kleinkinderspielplätze im Park. Zwei T?V-Vertreter, mit denen Mitternacht kürzlich im Park unterwegs war, hatten ihn auf diese mögliche Gefahrenquelle hingewiesen. "Kinder können im Zaun hängen bleiben. Da müssen wir etwas ändern", sagt er. Für Mitternacht ein Detail, das der Park angehen muss. Für dieses Jahr strebt der Europa-Park schlie?lich das Zertifikat "kindersicherer Freizeitpark" an. Da werde so manches auch intern aus einem neuen Blickwinkel bewertet.

So also sieht der Alltag des Mannes aus, der für die Sicherheit von Besuchern wie Mitarbeitern des Europa-Parks sorgt? Mit dem aufregenden Job in schwindelerregender Höhe mit Schraubenschlüssel hantierend hat das nicht viel zu tun. Das wird schnell deutlich. Mitternacht bleibt am Boden, und mitten unter den Parkbesuchern. Sein wichtigstes Arbeitsgerät, so scheint es, ist die Digi-Kamera. Er zeigt das Display mit seiner "Beute" vom Vortag. Dort hängt ein Feuerlöscher an der falschen Stelle, da ist ein Zaun eingedrückt, hier ist eine Leuchte zu tief angebracht und an anderer Stelle ist der Fluchtweg durch Möblierung verstellt. "Da gibt es kein Vertun. Solche Mängel müssen schnell abgestellt werden", sagt er. Dann geht?s mit ihm im Elektrowagen auf Tour durch den Park.

Sicherheitsingenieur wacht über mehr als nur über die Achterbahn

Da der Park sich zum Ziel gesetzt hat, als erster in Deutschland das Zertifikat "kindersicher" zu erhalten, steuert Mitternacht das Spielgelände "Welt der Kinder" an. Hier habe der Park am Thema Sicherheit weitergearbeitet, obwohl der Gesetzgeber seine Normen längst erfüllt sieht: Querholme sind an den Rutschen angebracht, damit Hechtsprünge nicht mehr möglich sind, die Verlängerung der Auslauffläche an der Gro?rutsche um mehrere Meter, weil die Kinder unsanft auf dem Sandboden landeten, obwohl die Rutsche laut Hersteller schon bei der Montage DIN-Norm hatte oder ein zusätzliches Segeltuch zur Beschattung.

Beobachten, Mitarbeiter sensibilisieren und einen Instinkt dafür zu haben, wo Gefahrenpunkte entstehen können, das mache seine Arbeit aus, sagt Walter Mitternacht aus. Seit Jahren zählt er zum Arbeitskreis der Sicherheitsverantwortlichen deutscher Freizeitparks. Seit Jahren kämpft er auch für ein einheitliches System von Piktogrammen in deutschen und europäischen Freizeitparks, die die Einschränkungen bei der Nutzung von Fahrgeschäften oder Einrichtungen definieren. "Einige Symbole sind per Gesetz definiert, andere wie etwa ein Verbot für schwangere Frauen halte ich für ebenso wichtig wie das Symbol Rauchverbot. Ich mache mich stark dafür, dass es in die Piktogramme aller Parks aufgenommen wird, auch wenn?s das Gesetz noch nicht vorsieht", sagt Mitternacht.

Derweil ist sein Verantwortungsbereich auch in Rust von Jahr zu Jahr gewachsen wie der Europa-Park selbst. Als technischer Betriebsleiter hat Mitternacht im Januar 1988 im Europa-Park begonnen. Heute ist er nicht nur für die Sicherheit der Technik verantwortlich, er ist Umweltbeauftragter und Chef für Arbeitssicherheit. Mit dem Bau des Hotels Colosseo (2004) war der Park im Veranstaltungssektor (Confertainment) zugleich in neue Dimensionen vorgesto?en, die die Bestellung eines Brandschutzbeauftragten notwendig machten. Ein weiteres Aufgabenfeld für Walter Mitternacht. Letzteres hat ihm den Ruf eines ? auf gut badisch ? "Dipflischissers" eingebracht. "Man macht sich in meiner Position halt nicht nur Freunde, weil meine Bedenken so manche schönen Pläne der Designer durchkreuzen", wei? Mitternacht. Auch bei Veranstaltungen im Dome kann er gegenüber Unternehmen, die sich dort einmieten, ungemütlich werden, wenn die für Dekorationszwecke leicht entflammbare Stoffe verwenden.

Schöne Pläne der Designer muss Mitternacht manchmal durchkreuzen

Die grö?te Faszination an seiner Aufgabe geht aber auch bei Walter Mitternacht von der Berührung mit der Technik aus. Deshalb zieht es das Elektrofahrzeug auch zielsicher zum Megacoaster. Als wir auf dem Montagesteg direkt an der Einfahrt zum Bahnhof stehen, betet der studierte Elektroingenieur die Daten und Zahlen der Achterbahn herunter wie sein eigenes Geburtsdatum. "Das ist pure Ingenieur- und Handwerkskunst," entfährt es ihm und Begeisterung schwingt in seiner Stimme mit. Doch nur für einen Moment, dann ist Walter Mitternacht wieder ganz und gar der Sicherheitsmensch. Er deutet auf die Verschraubungen, die die tonnenschweren Stahlteile zusammenhalten. ?ber die Schraubenmutter zur Stahlschiene ist mit gelber Farbe eine feine Linie gezogen. "Wenn eine Mutter sich lockert, ist die Linie verrückt. Dann muss die Mutter nachgezogen werden," erläutert Mitternacht den Sinn der Farbkleckse.

Das Thema Sicherheit auf der Achterbahn ist für Mitternacht aber nicht da beendet, wo Schrauben festsitzen, geräuschlose und verschleissfreie Magnetbremsen funktionieren oder sich Züge erst dann in Bewegung setzen, wenn alle 20 Haltebügel eingerastet sind. Wer sich nicht in das Labyrinth von Loopings und Schrauben katapultieren lässt und die Bahn vom Boden aus in Augenschein nimmt, den dürfen herunterfallende Feuerzeuge oder Handys der kreischenden Achterbahnnutzer nicht treffen. "Mit der Anordnung von Hütten und Felsen im Themenbereich haben wir solche Gefahren ausgeräumt. Auch daran war bei der Planung von Achterbahn und Themenbereich zu denken", sagt Mitternacht.

© BADISCHE ZEITUNG vom 21.05.2010

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