Die Wiege des Europa-Parks ? und Achterbahnen für die ganze Welt

Das Waldkircher Unternehmen "Mack Rides" produziert Achterbahnen für Freizeitparks in aller Welt. Gleichzeitig ist es die Keimzelle des Europa-Parks Rust. Ein Blick hinter die Kulissen.

RUST. "Es ist dein Moment", hei?t es in der Hymne des Europa-Parks an seine Besucher. Menschen, die diesen Moment erst möglich machen oder selbst Teil dieses Momentes sind, stellt die BZ in einer Reihe von Artikeln vor. Jeder Artikel ist mit einem Gewinnspiel zum Thema verbunden. Heute geht es um die Wiege des Freizeitparks. Sie steht in Waldkirch. Dort wurde vor 230 Jahren (1780) von Paul Mack eine Stellmacherei gegründet und damit der Grundstein für ein Weltunternehmen im Karussell- und Fahrzeugbau gelegt.

Heute hei?t das Unternehmen "Mack Rides" und wird seit fünf Jahren von Christian von Elverfeldt als Geschäftsführer geführt. Mit dem am 1. April 2009 im Europa-Park in Betrieb genommenen und bei Mack Rides konstruierten Blue Fire Megacoaster ist die Firma in eine neue Dimension von Fahrgeschäften vorgesto?en.

Es war Weihnachten 2007, "ein Fest, das ich so schnell nicht vergessen werde", sagt Christian von Elverfeldt mit einem Lächeln, das noch etwas von der kindlicher Freude ausstrahlt, die wohl damals den erst ein Jahr zuvor als Geschäftsführer von Mack-Rides bestellten Teninger befallen hatte. Während die Belegschaft sich schon in Richtung Waldkircher Lokalität für die anstehende Weihnachtsfeier aufgemacht hatte, versuchten von Elverfeldt und Michael Mack ? damals noch in Assistentenfunktion zum Geschäftsführer ? den Chef Roland Mack von ihrer gemeinsamen Idee zu überzeugen, eine Achterbahn mit Looping und Schrauben zu bauen und dafür schon in der Planung eine komplett neue Technik anzuwenden. "Als Roland Mack dann das ?Go for it? gab, war das für uns beide wie Bescherung. Wir mussten Roland Mack nur versprechen, dass er der erste Mensch sein werde, der mit dem Megacoaster fahren würde", erinnert sich von Elverfeldt. Selbstredend kam es zwei Jahre später auch so. Für die beiden ehrgeizigen Männer war diese Forderung zugleich auch ein gro?er Vertrauensbeweis: "Roland Mack war von Beginn an davon überzeugt, dass wir unser Ziel erreichen. Solches Vertrauen setzt Kräfte frei".

In welche Dimensionen Mack Rides mit diesem Projekt vorstie?, scheint Michael Mack erst heute mit dem Abstand von drei Jahren und mit dem Erfolg im Rücken so richtig deutlich zu werden: "Mein Gro?vater Franz hatte zuvor praktisch alles gebaut, was die Betreiber von Fahrgeschäften nachfragten. Auch Achterbahnen wie der Euro-Sat im Europa-Park gehörten dazu. Aber gro?e Achterbahnen wie der Silver Star (kein Produkt von Mack Rides, Anm. der Red.) oder Achterbahnen mit Loopings oder Schrauben waren nicht darunter. In der Firmengeschichte war es deshalb totales technisches Neuland, auf das wir zusteuerten."

Roland Mack
"Für diese Achterbahn ist der Europa-Park das bisher grö?te finanzielle Risiko eingegangen."

Zur Herausforderung wurde der Blue Fire Megacoaster nicht nur für die Techniker und Konstrukteure (von Elverfeldt: "Die Abteilung ist der Kopf und die Seele des Unternehmens"), sondern für das Familienunternehmen als Ganzes. Rund zehn Millionen Euro sollen in die Entwicklung und den Bau des Prototypen für den Europa-Park geflossen sein. Bei dieser finanziellen Grö?enordnung wird das Gewicht der Worte von Roland Mack bei der Inbetriebnahme am 1. April erst richtig deutlich: "Für diese Achterbahn ist der Europa-Park das bisher grö?te finanzielle Risiko eingegangen. Hätte es nicht funktioniert, wir hätten nicht die eigene Firma in Regress nehmen können."

Eine Perspektive, die in den Köpfen von von Elverfeldt und Michael Mack ohnehin keinen Platz hatte. Indes, ihren Optimismus schienen sie ganz allein aus dem Vertrauen auf die Kunst der rund 20 Ingenieure und der Handwerker im Hause Mack Rides zu schöpfen. "Man muss halt die richtige Leute mit den klugen Köpfen haben", bringt es Christian von Elverfeldt auf den Punkt. Als er die Tür zum klimatisierten "Allerheiligsten" im Obergeschoss des Waldkircher Verwaltungsgebäudes öffnet, ist man dann aber doch etwas erstaunt. Die klugen Köpfe hinter den PCs, auf denen sich dreidimensionale Teile eines Ganzen und in leuchtenden Farben bewegen, erwecken den Eindruck, als hätten sie gestern noch im Hörsaal einer Fachhochschule gesessen. "Unser Team ist jung und kreativ. Aber wir setzen natürlich auch auf Erfahrung."

Design-Studenten der FH Pforzheim entwickeln neuen Achterbahnsitz

Nicht unerwähnt lässt von Elverfeldt an dieser Stelle, dass die kreativen Köpfe zuweilen über dem Ausreizen der technischen Möglichkeiten die Kosten aus dem Blick verlieren. "Dass ist dann der Punkt, an dem ich sie ausbremsen muss", sagt der Diplom-Kaufmann, der die Budgets der Kunden im Fokus hat ? die meisten sind Freizeitparks aus China und den USA, auch Disneyland, zählt zu ihnen ?, der erahnen muss wie Stahlpreise sich entwickeln, um den richtigen Moment für den Kauf des Rohstoffes für jede Achterbahnbau nicht zu verpassen; kurzum, der die betriebswirtschaftlich richtigen Entscheidungen treffen muss. Zu diesen Entscheidungen zählte beispielsweise auch die Reduzierung der Abteilung auf die Kerngeschäfte: Konstruktion, Fahrzeug- und Schienenbau.

Das Vertrauen in die Qualität der drei Abteilungen waren für von Elverfeldt und Michael Mack entscheidend für den Bau des Megacoasters. "Wir haben vor vier Jahren in den USA ein gutes Dutzend Vergnügungsparks abgeklappert und haben genau so viele Achterbahnen unter die Lupe genommen und auch befahren. Als wir zurückkamen, wussten wir, was wir wollten und was nicht wollte", erinnert sich von Elverfeldt. Ein ganz entscheidender Unterschied zu allem auf dem Trip Gesehenen: Die Welt kannte Achterbahnsitze nur mit Schulterbügel. "Unser Ziel war es, einen Achterbahnsitz nur mit Beckenfixierung zu konstruieren, der mehr Fahrkomfort bietet und der ganzen Familie, Jung wie Alt, Gro? wie Klein, leicht- wie schwergewichtig das gleiche angenehme Fahrgefühl bietet." Den Auftrag erhielt ein gutes Dutzend Designer-Studenten der Design-Fachhochschule in Pforzheim. Der Prototyp steht noch in der Werkshalle von Mack Rides. Mitarbeiter und deren Kinder haben stundenlang in Schräglagen oder über Kopf auf dem Testsitz verbracht. "Das Ergebnis hat in der Branche eingeschlagen wie eine Bombe", begeistert sich von Elverfeldt.

Eine andere Neuerung: Der Schienenbau. Die einzelnen Stahlschienenteile werden mit Unterstützung einer eigens entwickelten Lasertechnik gebaut. "Wir erhalten dadurch Abweichungen von den Konstruktionsplänen von höchstens einem halben Millimeter. Ein Vorteil dabei: Wir fügen die Schienenteile erst vor Ort zusammen. Der Probeaufbau auf dem Werksgelände entfällt", erklärt von Elverfeldt. Und noch ein Wettbewerbsvorteil auf dem Markt der Achterbahnhersteller. Mack Rides verspricht seine Kunden keine technischen Lösungen, Mack Rides demonstriert sie. "Es gibt auf der Welt keinen zweiten Hersteller, der seine Achterbahnkonstruktion dem Kunden gleich im Betrieb zeigen kann. Wir tun das im Europa-Park. Besser geht?s nicht."

Direktlink: Badische Zeitung (mit weiteren Bildern und Videos)

© BADISCHE ZEITUNG vom 23.07.2010