Erste Hilfe und Entschleunigung

BLICK HINTER DIE KULISSEN DES EUROPA-PARKS: Die Mitarbeiter der Sanitätsstation nahe der Euro Mir sind jeden Tag im Einsatz.

RUST. "Es ist dein Moment", hei?t es in der Hymne des Europa-Parks an seine Besucher. Menschen, die diesen Moment erst möglich machen oder selbst Teil dieses Momentes sind, stellt die BZ in einer Sommerreihe von Artikeln vor. Jeder Artikel ist mit einem Gewinnspiel zum Thema verbunden. Heute geht es um die Sanitätsstation im Park, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Achterbahn Euro Mir im russischen Themenbereich befindet. Fünf fest angestellte Krankenpflege- und Rettungssanitätskräfte sowie 34 ausgebildete Aushilfskräfte sorgen dafür, dass im Park beinahe jedes Wehwehchen unmittelbar und schnell versorgt werden kann.

Wer aus der Schwüle, aus der vergnüglich tobenden Masse im Europa-Park in den unscheinbaren Bau direkt neben der Euro Mir eintritt, fühlt sich sogleich entschleunigt. Eine Oase der Ruhe, voll klimatisiert -- Hitze und Hektik bleiben drau?en. "Wenn drau?en die Extreme herrschen, kann es schon vorkommen, dass gestresste Eltern zu uns kommen, sich auf eine Pritsche legen und einfach ein paar Stunden ruhen. So lange wir den Platz nicht brauchen, lassen wir`s geschehen", sagt Günter Kayser.

Kayser ist Chef der Sanitätsstation im Europa-Park. Seit einem Jahr leitet der 45-Jährige die Station, die seit 13 Jahren im russischen Themenbereich verortet ist und einst von seinen Eltern Karl-Heinz und Anneliese aufgebaut wurde. Was die Eltern in den Gründerjahren des Parks noch mit einer Teilzeit- ( Karl-Heinz Kayser) und einer Vollzeitkraft (Anneliese Kayser) meisterten, hat sich über die Jahre und unter der Führung der Kaysers zu einem gigantischen Einsatzteam entwickelt. Fünf beim Europa-Park fest angestellten Krankenpfleger und Rettungssanitäter sowie 34 Aushilfskräfte, allesamt ausgebildete Rettungssanitäter, sorgen sich um jedes Wehwehchen und auch Schlimmeres der Parkbesucher.

"Wir arbeiten in zwei Schichten. Um sieben Uhr in der Frühe, wenn die ersten Parkmitarbeiter mit ihrer Arbeit beginnen, sind auch die ersten von uns einsatzbereit. Deren Dienst endet um 14 Uhr. Die Hauptschicht beginnt um 9 Uhr und bleibt, bis der Park geschlossen wird. In der Hauptschicht sind mindestens vier Pfleger oder Sanitäter einsatzbereit. Jeden Tag, sieben Tage in der Woche wenn Saison ist", erklärt Günter Kayser.

Vom Pflaster bis zur Erstversorgung bei Schlaganfällen reicht Einsatzpalette

Für weitere Erklärungen ist dann zunächst einmal keine Zeit. Die Tür zur Station springt auf, das Gejohle der Menschen auf der Euro Mir durchdringt die Ruhe und fordert zugleich die Aufmerksamkeit von Günter Kayser heraus. Ein junger Mann, etwas durch den Wind und im typisch Französisch-englisch nach Worten ringend, sucht Hilfe. Der Franzose aus Besancon erzählt, dass die Familie erst am Vormittag im Hotel Colosseo abgestiegen sei, jetzt klage die Ehefrau über starke Rückenschmerzen und liege im Hotelbett. "Wir versuchen die Leute, die zu uns kommen, erst einmal zu beruhigen und ihnen das Gefühl zu geben, dass wir uns um ihr Problem kümmern und ihnen bei uns geholfen wird", wird Kayser später zur Situation erklären. Unaufgeregt, ruhig aber bestimmt wirkt Kayser im Gespräch mit dem Gast aus Frankreich. Dann ein Funk, kurze Zeit später stehen zwei Kollegen in der Station. Sie begleiten den jungen Mann aus Besancon ins Hotel. Derweil klärt Kayser, welcher Arzt Bereitschaft hat und informiert per Funk die Pfleger im Hotel. Kayser: "Wenn wir der Frau nicht helfen können, dann alarmieren wir den Arzt oder bringen die Frau auch zur Praxis. Das entscheiden die Kollegen dann vor Ort".

Unterdessen wird es im Vorraum der Sani-Station richtig eng. Eine Mutter fragt nach einem Heftpflaster, ihre Tochter hat sich eine Blase am Fu? gelaufen. Kaysers Kollegin Nadine Kratzer, eine Krankenschwester aus Sasbach, nimmt sich derweil der blutenden Wunde einer jungen Frau an. Daneben steht ein Vater, der Hilfe für den kleinen Sohn auf seinem Arm sucht. Ein Blick reicht, um zu erkennen, dass das Kind zu viel Sonne und zu viel Hitze abbekommen hat. Kayser führt die beiden in einen Nebenraum. Dort befinden sich sechs Liegeplätze. "Ruhe, etwas Kühlung und ein klärendes Gespräch helfen meist schon. Wir lassen Vater und Kind jetzt so viel Zeit, wie sie brauchen, um sich wieder zu erholen", beschreibt Kayser sein Handeln während er auf einem Board im Eingangsbereich hinter dem Zeichen "Liege 4" den Namen von Vater und Kind notiert ? "das ist für den Fall, dass Mutter oder Angehörige bei uns nach dem Verbleib der beiden nachfragen. So wissen auch die Kolleginnen und Kollegen, wo die beiden zu finden sind."

An die 12 000 "Kontakte" pro Saison verbucht Günter Kayser in seinen Einsatzprotokollen. "Das reicht von der Pflasterausgabe bis zum Einsatz eines Rettungswagens und Transport in ein Krankenhaus", sagt Kayser. Auch zu Schlaganfällen und Herzinfarkten bei Park-Besuchern ist es schon gekommen. "Da zählt dann jede Sekunde", wei? Kayser. Für solch schwere Fälle stehen dem Sani-Team im Park zwei speziell ausgerüstete Elektrowagen zur Verfügung. "Die sind mit allem ausgerüstet, was wir für die Erstversorgung brauchen. Mit den Elektrowagen können wir auch Krankentransporte durchführen, denn DRK-Krankenwagen würden nicht jede Ecke im Park erreichen können," erklärt Kayser.

Solche Extreme seien aber Gott sei Dank nicht der Alltag, so der 45-jährige Ringsheimer, der bei der Bundeswehr zu einer Sanitätseinheit gehörte , dann zunächst Garten- und Landschaftsbau zu studierte ehe er wieder zurück in den Sanitäts- und Pflegedienst fand. Kritisch merkt er allerdings an, dass es immer noch viele Parkbesucher gebe, die die einfachsten Regeln nicht verinnerlichten. Zu seiner Aufzählung zählen so banale Dinge wie geringe Aufnahme von Flüssigkeit an hei?en Tagen oder eine Fahrt auf der Achterbahn trotz bekannter Herz- und Kreislaufprobleme. Für jene führt nicht selten der Weg direkt in die Sanitätsstation? zum Abkühlen und Entschleunigen.

© BADISCHE ZEITUNG vom 13.08.2010