Grün im Park ist Attraktion für sich

Jürgen Sedler ist Gärtnerei-Chef im Europa-Park und verantwortlich für alles, was grünt und im Schlosspark im Lichterglanz erstrahlt.

RUST. Wenn Weihnachten herannaht, erscheint der Garten von Schloss Balthasar im Europa-Park Nacht für Nacht in einem flimmernden Lichterglanz Dem Zauber des illuminierten Schlosses kann sich der Besucher kaum entziehen. Als "Quelle der Inspiration" werden Schloss und Park von der Familie Mack beschrieben; in diesen Tagen ist der ehemalige Sitz der Adelsfamilie Boecklin von Boecklinsau in ersten Linie eines: ein Ort der Ruhe. "Für mich ist und bleibt der Garten der schönste Teil des Parkes, ein Ort der Demut und Ehrfurcht", sagt Jürgen Sedler.

Das Pathos in der Stimme des 40-Jährigen klingt nicht aufgesetzt. Jürgen Sedler ist Chef von 30 Gärtnern und der Gärtnerei im Europa-Park. "Zwischen den hundert Jahre und noch älteren Baumriesen ? Rotbuchen, deutsche Eiche, Ulmen, Trauerweide und Mammutbäumen ? wird einem Gewahr, welch kleines Glied der Mensch in dieser Zeitschiene ist und welche Verpflichtung wir haben, diesen Bestand für die nächsten Generationen zu bewahren," sagt Sedler beim Spaziergang durch die Parkanlage. Dass die Lichter da eine künstliche Optik schaffen, steht für den Gärtnermeister zu dieser Empfindung nicht im Widerspruch. "Mit dem Einsatz der Lichterkette verstärken wir den Habitus der Bäume. Wir schaffen keine künstliche Baumwelten, sondern betonen die vor Hunderten von Jahren entstandene Schlosspark-Architektur", erklärt er. Lichterketten und dezenten Lichtkegel der Scheinwerfer schaffen nicht nur ein bizarres und geheimnisvolles Schattenspiel der Baumriesen, sie sind auch Lichterpfad für die Besucher durch den Garten ? einer immensen Girlande gleich, die in eine Richtung aufgespannt scheint ? zum Schloss.

Schloss und Park sieht Sedler denn auch stets als Einheit. "Nicht alles entfaltet hier einfach seine natürliche Pracht. Wir befinden uns hier in einer Schloss-Parkanlage. Da steckt auch System drin", sagt der Gärtnermeister und zeigt beispielsweise auf die pyramidenartig geschnittenen Buchse. Für das kommende Frühjahr haben sich die Gärtner des Europa-Parks für den Schlosspark etwas ganz besonderes einfallen lassen. An die 50000 Tulpenzwiebeln haben sie in der "Zwischensaison", in den drei Wochen Pause zwischen Sommer- und Wintersaison im Park, mit einer Spezialmaschine in den Boden eingebracht. "Im Frühjahr wird es dann ein ein Meter breites buntes Tulpenband über die Grünflächen im Schlossgarten geben. Wenn man es abschreiten würde, dürften schon so an die Tausend Meter Wegstrecke zusammenkommen", kündigt der Gärtnereichef die neue Attraktion an.

Im nächsten Frühjahr blühen im Schlosspark 50 000 Tulpen

Eine andere Pflanzen-Neuheit: In den Gewächshäusern des erst in diesem Frühjahr deutlich vergrö?erten Gärtnereibetriebes experimentiert Sedler gerade mit einem Blumenhartriegel der geheimnisvollen Bezeichnung "Venus". "Die Büsche werden einmal drei bis vier Meter hoch werden und nur wei?e Blüten tragen. An die 150 Kübel wollen wir dann in der Sommersaison auf dem Parkgelände aufstellen", sagt Sedler.

Seit 18 Jahren ist der gebürtige Kappeler in der Abteilung Grün des Europa-Parks. "Ursprünglich komme ich aus dem Bereich Baumschule. Meine erste gro?e Baustelle war in Norwegen", erzählt Jürgen Sedler. Wieder in der Heimat heuerte er beim Europa-Park an und mit dem Meisterbrief in der Tasche vertraute ihm die Familie Mack die Leitung der Park-Gärtnerei an. Das war vor 14 Jahren. "Imponiert hat mir von Anfag an nicht nur die Funktion, sondern auch die Perspektiven, die sich der Gärtnerei immer wieder neu hier auftun. Denn die Familie Mack hat seit Park-Gründung einen grünen Daumen. Bäume, Blumen, Pflanzenarrangements werden wie die Fahrgeschäfte als besondere Park-Attraktion bewertet. Manchmal muss man zwar auch dafür kämpfen und sich gegen Architekten durchsetzen. In der Regel gelingt das auch," gibt sich Sedler selbstbewusst.

Dass er sich im Diskurs mit den Ingenieuren von waghalsigen Fahrgeschäften und den Architekten immer gewagterer Bauprojekte auf Augenhöhe sieht, kommt nicht von ungefähr. Die gerade erweiterte Gärtnerei gilt nicht nur als logistischer Vorzeigebetrieb, sondern seit der Fertigstellung des Hotels Colosseo hat die Sedler-Abteilung im Bereich mediterraner Pflanzen von der Fachwelt nicht erwartete Erfolge vorzuweisen. "Was wir inzwischen an Palmen, Pinien oder Korkeichen in Kübeln gezogen haben und in unserer Klimazone im Freien wie in unseren Gewächshäusern durch den Winter bringen, ist einzigartig in Mitteleuropa", sagt Sedler mit breiter Brust. Ganz stolz ist er auch auf seine Floristik-Abteilung: 3000 Schnittblumen werden dort Woche für Woche verarbeitet und sind Blickfang der Innendekorationen in Hotels und Konferenzräumen.

Und der Gärtnermeister ist inzwischen nicht nur ein gefragter, sondern auch ein weit gereister Mann. Gerade war er für drei Tage in Italien, um sich über neue Trends und Stilrichtungen in der Welt der Gärtnerei und Parkgestaltung zu informieren. "Das ist fast schon wie bei der Mode. Man muss frühzeitig die Trends erkennen", wei? der Kappeler und denkt dabei an das neue Hotel, das bis in zwei Jahren östlich der Elz stehen soll. Gärtnermeister Sedler: "Auch bei diesem Projekt werden wir mit der Bepflanzung neue Ma?stäbe setzen".

© BADISCHE ZEITUNG vom 21.12.2010