Die Frau Holle des Europa-Parks

Der 46-jährige Stephan Hercher sorgt während der Wintersaison dafür, dass immer reichlich Schnee vorhanden ist.

RUST. Etwas Besseres kann dem Europa-Park in der Wintersaison gar nicht passieren: Schnee in Massen und frei Haus sorgt in diesen Tagen für das passende Ambiente. Aber auch wenn das Wetter nicht so mitspielt wie in diesem Jahr, hat der Freizeitpark quasi eine hauseigene "Frau Holle". Die hei?t Stephan Hercher und ist der Schneemacher des Europa-Parks.

Der wei?e Haufen, den Stephan Hercher in seinen beiden Händen hält, sieht aus wie Schnee, ist nass und kalt wie Schnee, ist im Grunde genommen aber keiner. Es sind kleine Eiskristalle, die die Illusion des Winters in den Europa-Park zaubern. Wie ganz fein zerkleinerte Eiswürfel. Crusheis nennt sich das in der Fachsprache, es wird in der Industrie vor allem für die Kühlung von Lebensmitteln verwendet. Das Prinzip ist einfach: Eine kalte Walze läuft durch ein Wasserbad, es bildet sich auf ihr eine dünne Eisschicht, die abgeschabt und danach zerkleinert wird. "Das ist ein sehr einfaches und wartungsfreies System", erklärt Stephan Hercher, der in Freiburg wohnt und als Leiter der Abteilung Dekoration und Bühnenbild auch für das winterliche Ambiente im Europa-Park zuständig ist.

Auf der Lagerfläche des Europa-Parks steht in einer kleinen Holzhütte die Maschine, die im Normalfall 24 Stunden am Tag läuft und Crusheis produziert: 24 Tonnen am Tag. Diese Menge entspricht einem normalen Lastzug mit Anhänger. "Das kann die Maschine leisten und das brauchen wir auch", sagt Hercher. Im wei?en Zelt nebenan türmt sich ein wei?er Eisberg auf. Dort wird der Kunstschnee zwischengelagert, rund 200 Kubikmeter passen hinein. Denn allein um alle Winter-Fahrgeschäfte mit der notwendigen Eisschicht als Untergrund einzudecken, werden zunächst einmal 150 Tonnen Eis benötigt. 15 Zentimeter dick sollte die Schicht sein.

Ganz am Anfang der Winteröffnungen ? das war vor zehn Jahren ?, da hatte der Europa-Park sogar richtigen Schnee her-angekarrt. Lasterweise war er vom Feldberg nach Rust transportiert worden. "Das war natürlich sehr aufwändig", erzählt Hercher, der seit der ersten Saison mit dabei ist, seit wir unsere Eismaschine haben, sind wir unabhängig." Richtiger Schnee wird auch produziert, mit einer Schneekanone, wie sie auch in den Skigebieten benutzt wird. Um sie aber einsetzen zu können, müssen Minusgrade herrschen. Und die gibt es im Rheintal nicht so oft, wie es notwendig wäre.

Für Stephan Hercher, der als Bauzeichner vor 24 Jahren in der Bauabteilung des Europa-Parkes angefangen hatte, beginnen bereits in der letzten ?ffnungswoche der Sommersaison die Vorbereitungen für die Wintersaison: Die Eismaschine läuft da schon ein, zwei Wochen auf Hochtouren, der Europa-Park muss aber zudem auf Winter und Weihnachten getrimmt werden: 3000 Tannenbäume, 10 000 Christbaumkugeln, fünf Kilometer Girlanden, 1500 Deko-Geschenke, 1500 Schleifen, 2500 Christrosen und 1000 Weihnachtssterne werden nach Angaben des Parks unter anderem aufgestellt und aufgehängt. "Unsere Mitarbeiter hatten drei Wochen lang voll zu tun, zum Teil wurde samstags in zwei Schichten gearbeitet", erzählt Hercher.

Zu den Attraktionen in der Wintersaison gehören die besonderen Fahrgeschäfte: Neben der Eislauffläche, der Skibobstrecke und der Snowtube ist das die Kinderskischule auf dem Platz Mario Botta. Die schneebedeckte Rampe ist sechs Meter breit, misst an ihrem höchsten Punkt 8,50 Meter und ist mit Auslauf 50 Meter lang. "Zu einer Wintersaison im Europa-Park gehört einfach auch die Kinderskischule", sagt Gundolf Thoma, ein immerzu fröhlicher Schwarzwälder, der mit seiner Skischule am Feldberg (http://www.thoma-skischule.de) seit acht Jahren der Partner des Europa-Parks ist. Eine Kooperation, die sich für beide Seiten lohnt: Der Freizeitpark hat eine weitere Attraktion zu bieten, der Skischulbetreiber macht Werbung für sich. Dafür stellt der Park die Anlage und die Infrastruktur, Gundolf Thomas die Lehrer.

Richtig Skifahren lernen, das kann man im Europa-Park allerdings nicht ? und das ist auch nicht das Ziel. "Wir wollen die Kinder für das Skifahren begeistern, und am besten auch gleich noch die Eltern dazu", sagt der 45-jährige Thoma, der Ende der 1980er im Ski-Weltcup fuhr und danach noch einige Jahre als Ski-Profi in Japan und den USA unterwegs war. "Ich war der letzte Schwarzwälder, der im Weltcup gefahren ist", erzählt Gundolf Thoma, dessen Familie im Wintersport einen bekannten Namen hat: Sein Onkel Georg Thema wurde 1960 Olympiasieger in der Nordischen Kombination, sein Cousin Dieter Thoma war ein überaus erfolgreicher Skispringer.

Täglich werden im Europa-Park fünf kostenlose Schnupperkurse für Kinder zwischen vier und elf Jahren angeboten. Die Teilnehmer lernen das Material kennen, machten erste ?bungen "und am Ende fahren sie auch schon die ersten schönen Bögen". Gundolf Thoma hofft natürlich, damit den Appetit der Kinder aufs Skifahren geweckt zu haben und dass sie sich an seine Skischule erinnern, wenn sie auf den Feldberg kommen. In den ersten Jahren der Zusammenarbeit schien das aber noch nicht der Fall gewesen zu sein, mittlerweile spürt Thoma aber einen deutlichen Effekt der Zusammenarbeit mit dem Europa-Park.

Auch Stephan Hercher hat Gundolf Thoma schon unter seine Fittiche genommen, im Januar ? wenn der Europa-Park zur Ruhe kommt ? wird der Dekorations-Chef selbst die Skier anschnallen. Bis dahin wird er noch jeden Morgen um 7 Uhr seine erste Runde im Park drehen, schauen, ob alles in Ordnung ist, und in seinem Büro täglich den Wetterbericht verfolgen. Der verhei?t Gutes, in den nächsten Tagen soll es noch einmal schneien und danach sind einige sonnige Tage angekündigt. Kein Grund zur Beunruhigung also für Stephan Hercher. Der tritt nur ein, wenn die Temperaturen ansteigen und ein starker Wind bläst. Ab etwa 15 Grad Celsius über mehrere Tage geht dann gar nichts mehr: "Dann schmilzt der Schnee schneller weg, als wir ihn produzieren können." Und dann kann auch "Frau Holle" in Gestalt des Schneemachers Stephan Hercher nicht mehr helfen.

© BADISCHE ZEITUNG vom 28.12.2010