Musical im Europa-Parkt: Viermal am Tag Weihnachten

Im Europa-Park treten rund 150 Künstlerinnen und Künstler aus mehr als 20 Nationen auf ? darunter der Amerikaner Michael Knese .

RUST. Der Europa-Park spricht in künstlerischer Hinsicht viele Sprachen. Das gilt nicht nur für das Angebot auf den diversen Bühnen, sondern auch für die Akteure selbst. Etwa 150 Künstler und Artisten bemühen sich Tag für Tag, für die magischen Momente zu sorgen. Sie stammen aus mehr als 20 Ländern. Einer davon ist der Amerikaner Michael Knese, derzeit Sänger, Schauspieler und Tänzer im Weihnachtsmusical "Ein musikalischer Weihnachtsmarkt", das bis zu viermal täglich im Globe Theatre aufgeführt wird.

Das mit den verschiedenen Sprachen trifft bei Michael Knese besonders zu. Der gro?gewachsene 42-Jährige mit den kurz geschnittenen Locken und dem Bart spricht ein fast akzentfreies Deutsch, dass erst die Nachfrage ergibt, dass er ein gebürtiger Amerikaner ist ? der allerdings schon seit 17 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet. Geboren in St. Louis studierte Knese zunächst Biologie, allerdings mit einem künstlerischen Hintertürchen. Denn die Universität, die er sich ausgesucht hatte, bot auch Gesangs- und Theaterkurse an: "Das hat mich schon immer angelockt". Die Sommerferien verbrachte er nicht am Mikroskop, sondern reiste mit Theatergruppen durch die Lande. Gegen Ende seines Studiums stand die Entscheidung an: Labor oder Bühne. Michael Knese gab sich einige Monate Zeit, die künstlerische Laufbahn auszuprobieren, erhielt ein Engagement ? und verzichtete auf eine wissenschaftlichen Karriere.

Im Jahr 1992 kam Michael Knese mit "Annie get your gun" zum ersten Mal nach Deutschland. Es war die Zeit, als hierzulande die Musicals boomten: "Cats" und das "Phantom der Oper" liefen mit gro?em Erfolg in Hamburg, in Bochum war für "Starlight Express" ein eigenes Musicaltheater gebaut worden. Eine gute Zeit für Künstler wie Knese. Er spielte drei Jahre in "Cats" den Munkustrap oder den Rum Tum Tugger, danach unter anderem in "Les Misérables" den Javert. Vor allem aber lernte er seine deutsche Frau kennen: "Da war klar, dass ich in Deutschland bleibe".

Das Leben als freiberuflicher Künstler ist nicht einfach. Michael Knese lebt in Berlin, hat mit seiner Frau, die als ?bersetzerin arbeitet, zwei Kinder (16 und 12 Jahre). "Ich bin froh, wenn ich einfach Arbeit habe und wir die Miete bezahlen können." Der 42-Jährige tummelt sich deshalb auf vielen Feldern: Er singt in A-capella-Gruppen und Soul Bands, ist als Kleindarsteller und Komparse in Filmen zu sehen, macht Werbung: "Man muss versuchen, sich irgendwie zu verkaufen", sagt Knese. Viele Engagements kommen über persönliche Kontakte zustande. So kam der Amerikaner auch im vergangenen Sommer in den Europa-Park. "Vom Freund einer Sängerin habe ich den Tipp bekommen, dass dringend jemand gesucht wird." Knese sprang für einen Kollegen in der Beatles Show im Globe Theatre ein. Offensichtlich machte der Amerikaner seine Sache so gut, dass er ein Anschlussangebot für die Wintersaison bekam. Mitte November verabschiedete er sich von seiner Familie wieder in Richtung Rust. Erst nach dem kommenden Sonntag, wenn der letzte Vorhang fällt, wird er sie wiedersehen. "Weihnachten habe ich übers Internet mit meiner Familie verbracht", erzählt er. Künstlerschicksal eben.

Das Weihnachtsmusical im Globe Theatre, in dem Knese mitspielt, ist eine Nummernrevue mit bekannten Weihnachtsliedern, die von einer kleinen Rahmenhandlung eingefasst wird: Fröhliche und gutsituierte Menschen treffen sich auf dem Weihnachtsmarkt, singen, tanzen und feiern, während ein armes blondes Mädchen, dass sich mit Streichhölzern wärmen muss, dem Treiben zuschaut. Am Ende der rund halbstündigen Show gibt es natürlich ein Happyend. Das Weihnachtsmusical ist eine von sieben Shows, die speziell für die Wintersaison inszeniert und mehrmals täglich gezeigt werden. Verantwortlich als Regisseur ist Ulrich Grawunder, der seit zehn Jahren im Europa-Park arbeitet. Der 58-jährige Berliner, der mittlerweile in Ettenheim lebt, hat eine lange Theaterkarriere hinter sich. "Ich habe schon als Kind professionell in den Berliner Kammerspielen Theater gespielt und bin dann irgendwie dabei hängen geblieben." Zwischendurch habe es zwar ? auf Drängen der Eltern ? Versuche gegeben, eine sogenannte bürgerliche Existenz aufzubauen, "aber ich bin überall grandios gescheitert und dann doch wieder beim Theater gelandet". Heute inszeniert er das Kindermusical "Die Schneekönigin", die Halloween- und Dinners-Shows oder eben das Weihnachtsmusical: "Ich stecke in alle Produktionen dieselbe Energie", betont Grawunder, "alle brauchen die selbe Sorgfalt, Liebe und Vorbereitung. Für mich als Regisseur ist es das selbe, ob ein Stück eine halbe Stunde dauert oder eineinhalb Stunden."

Bereits im Frühjahr beginnt der Countdown für die Wintershows: Eine Story muss gefunden und die Musik dazu zusammengestellt werden, die Absprachen mit Bühnenbildnerin Monika Ziefle oder dem Lichtdesigner Paul Lee müssen erfolgen, die Playbacks werden im Calren Studio eingespielt, schlie?lich die Künstler gecastet. Mitte November, kaum zwei Wochen vor dem Start der Wintersaison, beginnen dann die Proben: jeden Tag, acht, neun, manchmal auch noch mehr Stunden. "Für mich ist es dann ein unheimlich tolles Glücksgefühl, wenn ich bei der Premiere sitze und sehe, dass meine Kopfgeburt schlüssig auf der Bühne abläuft und die Zuschauer verstehen, was ich mir überlegt hatte." Was fürs Publikum leicht aussieht, ist für die Künstlerinnen und Künstler harte Arbeit: "Mehrmals am Tag das selbe Stück zu spielen, ist nicht einfach", sagt Grawunder.

Auch Michael Knese wird, wenn am Sonntag im Globe Theatre der letzte Vorhang fällt, mehr als 100 Auftritte hinter sich haben, mehr als 100 Mal wird er dann seine drei Solonummern gesungen haben: "It?s the most wonderful time of the year" von Andy Williams, "The happy elf" von Harry Connick junior und "Mon plus beau Noel" von Johnny Hallyday. Anstrengend? "Nein", Michael Knese schüttelt den Kopf, "ich habe gelernt das selbe Stück mehrmals am Tag frisch rüberzubringen." Die besondere Atmosphäre im Globe Theatre erleichtert ihm diese Aufgabe: "Wir dürfen das Publikum miteinbeziehen. Au?erdem kann ich in jedes Gesicht und in alle Augen schauen. Das ist sehr schön."

Viel Zeit für andere Beschäftigungen bleibt ihm nicht. Im Sommer war er gelegentlich mit dem Motorrad unterwegs oder hat an seinem Lieblingsplatz im Europa-Park ? im Liegestuhl neben dem See ? auf seiner Ukulele gespielt, ansonsten bewegt sich sein Alltag zwischen Einkaufen, Proben und Auftritten.

Lange wird er dieses Leben nicht mehr führen können. Dafür ist er allmählich zu alt. Wie viele seiner früheren Kollegen will Knese deshalb die Seiten wechseln: vom Darsteller in die Rolle des Produzenten. Ob er deshalb noch einmal in den Europa-Park zurückkehren wird ? der 42-Jährige wei? es noch nicht. Zunächst geht es jedenfalls erst einmal wieder zurück nach Berlin, wo die Famlie wartet und das nächste Engagement: die Schlagerrevue "Hossa".

© BADISCHE ZEITUNG vom 04.01.2011