Wie die Kostüme im Europa-Park geschneidert werden

Die Elsässerin Nadine Trautmann schneidert seit 15 Jahren die Kostüme im Europa-Park. Bei unzähligen Auftritten pro Saison ist die Arbeit eine Herausforderung an Nähmaschine und Kreativität.

RUST. "Ich habe nach etwas mehr Stabilität in meinem Beruf und meinem Leben gesucht", antwortet Nadine Trautmann auf die Frage, wie sie und der Europa-Park sich gefunden haben. Das war vor 15 Jahren ? und die Schneidermeisterin aus dem Elsass hatte schon einige Jahre in den Kostümschneidereien hinter den Bühnen der französischen Metropolen Theater- und Opernluft geschnuppert.

"Damals hat der Europa-Park begonnen, das Showprogramm auszubauen und Verstärkung in der Schneiderei gesucht. Ich habe darin für mich eine Chance gesehen, meinem Leben und meinem Beruf eine neue Richtung zu geben", sagt die Elsässerin. Heute ist sie Chefin von zehn ausgebildeten Schneiderinnen in der Europa-Park-Schneiderei.

Die Passion für Stoffe, Mode und die Schneiderei wurde Nadine Trautmann gewisserma?en in die Wiege gelegt. Mutter Jeanne war gelernte Schneiderin und hatte in der Nähe von Stra?burg ein eigenes Atelier. "Vor allem Abendrobe und Brautkleider hat sie genäht. Ihre Kundinnen kamen auch aus wohlhabenden Kreisen in Stra?burg. Schon als kleines Kind durfte ich ihr assistieren und auch manchmal selbst an der Nähmaschine etwas für mich nähen", erinnert sich die 45-Jährige. Besonders Hündin Lady durfte sich der Aufmerksamkeit der kleinen Nachwuchsschneiderin erfreuen. "Für sie habe ich viel gemacht. Sie musste das natürlich auch tragen, aber nur zu Hause."

Nach vier Jahren Ausbildung an der Schneiderfachschule in Stra?burg fand sie zunächst bei einem italienischen Couturier in der Europastadt eine Anstellung. "Damals haben wir viel Seide und andere feine Stoffe verarbeitet. Das war keine Haute Couture, aber feinste Gebrauchsmode. In der Modewelt nennt man das Prêt-à-porter", sagt Trautmann. Eine besondere Faszination habe damals aber schon das Theater und die Oper auf sie ausgeübt. "Gemeinsam mit einem Regisseur oder Choreographen Fantasien für Kostüme zu entwickeln, die den Künstlern zugleich aber Freiheit für Bewegung und Tanz belassen, das hat mich fasziniert." Was lag da für Nadine Trautmann näher als nach Paris zu gehen, dem Zentrum von Theater, Oper und Mode. Die fast zehn Jahre in Paris waren nicht nur gut, um Erfahrung im Beruf zu sammeln. "Ich habe damals an einer Privatschule auch die Meisterprüfung gemacht und eine kurze Zeit in einem Atelier eines italienischen Modeschöpfers bei der Entstehung von Kollektionen assistiert. Wichtig waren die Jahre in Paris aber auch, um Kontakte zu knüpfen zur Show- und Theaterwelt. Am Theater und im Varieté habe ich mich immer am wohlsten gefühlt", bekennt die Elsässerin.

In Paris die Welt von Theater und Oper kennengelernt

Und doch sagt Nadine Trautmann der Mode- und Kulturmetropole an der Seine Adieu und kehrt zurück in die elsässische Provinz nach Daubensand ? und sucht als 30-Jährige eine neue Herausforderung im Europa-Park. "Ich wollte aus privaten Gründen wieder zurück ins Elsass und zugleich aber auch beruflich eine Perspektive haben. Im Europa-Park hat das zusammengepasst", erklärt sie.

Als Teamleiterin Comic lässt sie die Kostüme für die erste Show auf der Freilichtbühne im italienischen Themenbereich entstehen. Es war die Phase, in der sich die Shows im Europa-Park neben den Fahrgeschäften zu einem wichtigen Programmteil entwickeln. Und mehr Shows auf den Bühnen bedeuteten auch mehr Anspruch und Anforderung an die Kostümschneiderei. "Ich bin also genau im richtigen Moment hierher gekommen. Ich brachte meine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Choreographen ein und lernte zugleich mit ganz neuen Ansprüchen an meine Arbeit umzugehen", beschreibt Trautmann ihr neues Umfeld.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Theater und Europa-Park: Am Theater muss die Garderobe der Künstler für eine Abendvorstellung richtig sitzen und das eine Spielzeit lang. "Unsere Künstler auf der Bühne treten zwischen drei- und viermal am Tag mit dem gleichen Kostüm in einer Show auf, und das an sieben Tagen in der Woche. Das sind etwa 800 Auftritte pro Saison. Jedes Mal muss das Kostüm 1 a sitzen. Das war für mich eine ganz neue Herausforderung", erklärt die Schneidermeisterin.

Und mit den Dinner-Shows, bei denen das Europa-Park-Ballett gleich mehrmals am Abend in aufwändiger Garderobe auf der Bühne steht, wuchs der Anspruch an Trautmanns Abteilung noch einmal kräftig. "Der Choreograph kommt mit einer Idee für eine Choreographie und dem dazugehörigen Kostüm. Doch manchmal passt das nicht zusammen. Denn nicht in jedem Kleidungsstück lässt sich jede Bewegung auf der Bühne realisieren. Da müssen dann gemeinsam Lösungen erarbeitet werden. "

Und all das in wenigen Wochen und selbstverständlich auch unter Kostendruck. Denn die Kostüme für vier Shows zu kreieren, ist die eine Sache. Die andere: Das Ganze auch mit einem vertretbaren Budget umzusetzen. "Deshalb steht am Anfang auch immer die Kalkulation. Wie viel und welchen Stoff brauche ich? Kann ich aus unserem Kostümbestand, immerhin inzwischen 1500 Kostüme, etwas wieder verwenden? Muss ich Teile zukaufen oder gar Arbeiten in andere Schneidereien vergeben? Und für das alles haben wir nicht viel mehr als drei Monate Zeit", beschreibt Nadine Trautmann die Anforderungen, die die Schneidermeisterin inzwischen mehr am Schreibtisch denn an der Nähmaschine arbeiten lassen. "An der Nähmaschine zu Hause in Daubensand sitze ich kaum noch. Meine Energie flie?t ganz in die Arbeit im Europa-Park. Und die bleibt sehr spannend", sagt die Elsässerin.

© BADISCHE ZEITUNG vom 18.01.2011